Ferdinand Piëch – Auto.Biographie | Vergriffene Lebensgeschichten
Es gibt Autobiografien, in denen Menschen ausführlich erklären, was sie fühlten, warum sie bestimmte Entscheidungen trafen und wie sie auf ihr Leben zurückblicken. „Auto. Biographie“ von Ferdinand Piëch ist ein anderes Buch. Schon der Titel ist ein Wortspiel: Es geht um eine Autobiografie – aber vor allem um Autos. Porsche 917, Audi quattro, TDI, Volkswagen, Bugatti und zahlreiche technische Ideen stehen im Mittelpunkt. Wer nach privaten Bekenntnissen sucht, wird vergleichsweise wenig finden. Wer verstehen möchte, wie einer der einflussreichsten Automobilmanager des 20. Jahrhunderts dachte und arbeitete, bekommt dagegen einen ungewöhnlich direkten Einblick.
Das 2002 bei Hoffmann und Campe erschienene Buch umfasst rund 288 Seiten und ist heute vor allem antiquarisch erhältlich.
Der Enkel Ferdinand Porsches
Ferdinand Karl Piëch wurde am 17. April 1937 in Wien geboren. Automobile waren gewissermaßen Teil seiner Familiengeschichte: Seine Mutter Louise war eine Tochter Ferdinand Porsches, sein Onkel war Ferry Porsche. Nach der Schulzeit studierte Piëch Maschinenbau an der ETH Zürich. Seine Diplomarbeit beschäftigte sich mit der Entwicklung eines Formel-1-Motors – ein Thema, das bereits erkennen lässt, wohin sein beruflicher Weg führen sollte.
1963 begann er bei Porsche. Dort zeigte sich früh eine Eigenschaft, die ihn sein gesamtes Berufsleben begleiten sollte: Piëch wollte nicht einfach gute Autos bauen. Er wollte technische Grenzen verschieben – und war bereit, dafür erhebliche Risiken einzugehen.
Das vielleicht spektakulärste Beispiel war der Porsche 917. Die Entwicklung des Rennwagens verschlang für das damals noch vergleichsweise kleine Unternehmen enorme Ressourcen. Doch das Risiko zahlte sich sportlich aus: Mit dem 917 errang Porsche 1970 erstmals den Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans und wiederholte diesen Erfolg 1971. Piëchs Ruf als außergewöhnlicher Ingenieur war damit endgültig begründet.
Der Familienkonflikt und der Weg zu Audi
Seine Herkunft öffnete Piëch Türen – sie brachte aber auch Konflikte mit sich. Anfang der 1970er-Jahre eskalierten die Auseinandersetzungen innerhalb der Familien Porsche und Piëch über die zukünftige Führung des Unternehmens. Schließlich wurde entschieden, dass Familienmitglieder keine operativen Führungspositionen bei Porsche mehr innehaben sollten. Piëch musste das Unternehmen verlassen.
1972 wechselte er zu Audi. Rückblickend war dieser Schritt entscheidend für seine Karriere. Audi galt damals noch keineswegs als selbstverständlicher Konkurrent von BMW und Mercedes-Benz. Unter Piëchs technischem Einfluss änderte sich das grundlegend.
Fünfzylindermotoren, aerodynamisch optimierte Karosserien, TDI-Dieselmotoren und vor allem der permanente Allradantrieb quattro wurden zu wichtigen Bausteinen des neuen Audi-Images. Der 1980 vorgestellte Audi quattro demonstrierte die Möglichkeiten des Allradantriebs eindrucksvoll im Rallyesport und trug dazu bei, Audi als technisch innovative Premiummarke zu positionieren. 1988 wurde Piëch Vorstandsvorsitzender von Audi.
Volkswagen – ein Konzern nach Piëchs Vorstellungen
1993 übernahm Piëch den Vorstandsvorsitz der Volkswagen AG. Volkswagen befand sich damals wirtschaftlich in einer schwierigen Situation. Piëch setzte auf Kostensenkungen, gemeinsame technische Plattformen für verschiedene Modelle und Marken sowie eine deutliche Verbesserung von Technik und Qualitätsanmutung. Unter seiner Führung entwickelte sich der Konzern grundlegend weiter.
Gleichzeitig wuchs das Markenimperium. Ende der 1990er-Jahre kamen unter anderem Bentley, Lamborghini und Bugatti zum Volkswagen-Konzern. Damit konnte Piëch etwas verwirklichen, das sich durch sein gesamtes Berufsleben zieht: Autos zu entwickeln, bei denen nicht zuerst gefragt wurde, was vernünftig oder wirtschaftlich notwendig war, sondern was technisch möglich ist.
Kaum ein Fahrzeug verkörpert diesen Ansatz besser als der spätere Bugatti Veyron. Piëch verfolgte die Idee eines außergewöhnlich leistungsfähigen Serienwagens mit einem völlig neuartigen Motorenkonzept. Bugatti berichtet, dass er bereits 1997 während einer Fahrt im japanischen Shinkansen eine entsprechende Motoridee auf die Rückseite eines Briefumschlags skizzierte. Daraus entwickelte sich schließlich das W16-Konzept des Veyron.
Der Phaeton – technische Perfektion ohne Rücksicht auf die Marktlogik
Auch der Volkswagen Phaeton trägt Piëchs Handschrift. Ein Luxusauto mit VW-Emblem sollte beweisen, dass Volkswagen technisch auf Augenhöhe mit Mercedes-Benz und BMW bauen konnte. Die Anforderungen waren außergewöhnlich hoch. Technisch entstand ein bemerkenswertes Fahrzeug – wirtschaftlich erfüllte der Phaeton die Erwartungen jedoch nicht. Insbesondere in den USA blieb der Verkauf weit hinter den Vorstellungen zurück.
Gerade solche Projekte machen Piëch interessant. Seine Karriere bestand nicht nur aus Erfolgen. Er war bereit, enorme Summen in Projekte zu investieren, wenn er von einer technischen Idee überzeugt war. Manche wurden wegweisend, andere erwiesen sich wirtschaftlich als problematisch.
In „Auto. Biographie“ wird deshalb immer wieder deutlich: Piëch dachte zunächst wie ein Ingenieur und erst danach wie ein Manager.
Ein außergewöhnlicher, aber schwieriger Führungsstil
Die andere Seite dieses Erfolges war Piëchs Umgang mit Menschen. Zahlreiche Berichte ehemaliger Mitarbeiter und Wegbegleiter beschreiben einen äußerst anspruchsvollen Chef, der Konkurrenz innerhalb seiner Mannschaft bewusst förderte und wenig Geduld mit Fehlern hatte. Bereits während seiner Zeit bei Porsche soll sein Führungsstil für Spannungen gesorgt haben.
Auch darin spiegelt sich das Buch selbst. Piëch schreibt nüchtern, knapp und häufig technisch. Große emotionale Selbstbetrachtungen sind nicht seine Sache. Menschen und Ereignisse werden oft danach beurteilt, ob etwas funktioniert hat oder nicht.
Das kann beim Lesen zunächst kühl wirken. Gleichzeitig macht gerade diese Art das Buch interessant: Piëch versucht nicht, aus seinem Leben einen großen literarischen Lebensroman zu machen.
Der Mensch Ferdinand Piëch bleibt erstaunlich schwer greifbar
Das ist vielleicht die größte Besonderheit von „Auto. Biographie“. Nach fast 300 Seiten weiß man sehr viel darüber, wie Ferdinand Piëch über Autos, Technik und Unternehmen dachte. Der private Mensch bleibt dagegen deutlich schwerer zu fassen.
Dabei wäre auch sein Privatleben außergewöhnlich genug für eine klassische Autobiografie gewesen. Piëch war Vater von 13 Kindern und gehörte zu einer der bekanntesten deutschen beziehungsweise österreichischen Unternehmerfamilien.
Doch sein eigentliches Lebensthema war offenbar die Technik. Autos waren für ihn nicht lediglich Produkte eines Unternehmens. Sie waren Aufgaben, die gelöst werden mussten.
Vielleicht beschreibt deshalb kein anderer Satz das Buch besser als sein Titel selbst:
Auto. Biographie.
Ein Buch über Autos – und über Macht
Heute lässt sich das Buch noch aus einem anderen Blickwinkel lesen als bei seinem Erscheinen 2002. Damals war Piëch gerade vom Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsrat von Volkswagen gewechselt. Seine Karriere konnte bereits als außergewöhnliche Erfolgsgeschichte erscheinen. Erst später wurde vollständig sichtbar, wie lange sein Einfluss auf den Volkswagen-Konzern und die Familien Porsche und Piëch reichen würde. Piëch blieb bis 2015 Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats. Er starb am 25. August 2019 im Alter von 82 Jahren.
„Auto. Biographie“ ist deshalb heute zugleich Autobiografie und Zeitdokument. Man liest die Erinnerungen eines Mannes, der Porsche, Audi und Volkswagen über Jahrzehnte mitprägte und dessen Entscheidungen Fahrzeuge hervorbrachten, die Automobilgeschichte geschrieben haben.
Warum „Auto. Biographie“ heute noch lesenswert ist
Man muss kein ausgesprochener Autofan sein, um dieses Buch interessant zu finden. Denn hinter Porsche 917, Audi quattro, Volkswagen Phaeton und Bugatti steht immer dieselbe Frage: Was passiert, wenn ein technisch hochbegabter Mensch enorme wirtschaftliche Macht erhält und nahezu kompromisslos versucht, seine Vorstellungen durchzusetzen?
Piëchs Lebensgeschichte liefert darauf keine einfache Antwort. Seine technischen Erfolge sind ebenso Bestandteil seiner Geschichte wie sein umstrittener Führungsstil, kostspielige Fehlentscheidungen und die Konflikte innerhalb eines der mächtigsten Familienimperien der deutschen Automobilindustrie.
Gerade deshalb passt „Auto. Biographie“ hervorragend in unsere Reihe „Vergriffene Lebensgeschichten“. Das Buch erzählt von einem Mann, der die Automobilindustrie über Jahrzehnte prägte – und der selbst beim Schreiben über sein eigenes Leben lieber über Maschinen sprach als über sich selbst.
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