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Frank Brady: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer | Vergriffene Lebensgeschichten

1972 wurde ein Schachduell zu einem Ereignis des Kalten Krieges. Auf der einen Seite saß Boris Spasski, Weltmeister aus der Sowjetunion. Auf der anderen ein eigenwilliger Amerikaner, der bereits vor Beginn des Wettkampfs mit Forderungen, Streitigkeiten und zeitweiser Weigerung anzutreten für Schlagzeilen sorgte: Bobby Fischer. Millionen Menschen verfolgten den Wettkampf in Reykjavík. Fischer gewann – und beendete damit die seit 1948 bestehende sowjetische Vorherrschaft über den Schachweltmeistertitel. Nur drei Jahre später verlor er diesen Titel, ohne eine einzige Partie zu spielen.

Wie aus einem Jungen aus Brooklyn einer der berühmtesten Schachspieler der Welt wurde und warum sein Leben nach seinem größten Triumph eine so außergewöhnliche Wendung nahm, erzählt Frank Brady in „Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer“. Brady kannte Fischer bereits seit dessen Jugend und hatte schon 1965 eine erste Biografie über ihn veröffentlicht. Diese persönliche Nähe macht „Endspiel“ besonders interessant: Brady beschreibt nicht nur den Schachweltmeister, sondern verfolgt Fischers Lebensweg vom Wunderkind bis zu seinen letzten Jahren in Island.

Ein Junge, der gegen sich selbst Schach spielte

Robert James „Bobby“ Fischer wurde am 9. März 1943 in Chicago geboren und wuchs hauptsächlich in Brooklyn bei seiner alleinerziehenden Mutter Regina auf. Als Fischer sechs Jahre alt war, kam ein Schachspiel in die Familie. Das Spiel entwickelte sich schnell zu seiner großen Leidenschaft. Weil ihm häufig ein Gegner fehlte, spielte er sogar gegen sich selbst – eine Episode, die Brady in seiner Biografie ausführlich schildert.

Sein Talent wurde früh offensichtlich. Mit gerade einmal 13 Jahren spielte Fischer 1956 gegen Donald Byrne jene Partie, die später als „Spiel des Jahrhunders“ bekannt wurde. 1958 erhielt er im Alter von 15 Jahren den Großmeistertitel. Fischer hatte sich innerhalb weniger Jahre vom schachbegeisterten Kind zu einem der stärksten Spieler der Welt entwickelt.

Schach wurde zum Mittelpunkt seines Lebens. Fischer beschäftigte sich mit einer Intensität mit dem Spiel, die selbst unter Spitzenspielern außergewöhnlich war. Schule und ein konventioneller Berufsweg traten dagegen immer weiter in den Hintergrund.

Ein Amerikaner gegen die sowjetische Schachmacht

Wer Fischers Aufstieg verstehen will, muss die damalige Bedeutung des Schachs in der Sowjetunion berücksichtigen. Seit Michail Botwinnik 1948 Weltmeister geworden war, hatten ausschließlich sowjetische Spieler den Titel getragen. Die Sowjetunion förderte Schach systematisch und verfügte über eine ganze Generation herausragender Großmeister.

Fischer trat diesem System weitgehend als Einzelkämpfer gegenüber.

Seine Leistungen auf dem Weg zur Weltmeisterschaft waren außergewöhnlich. Im Kandidatenzyklus besiegte er 1971 zunächst den sowjetischen Großmeister Mark Taimanow mit 6:0. Im Halbfinale schlug er Bent Larsen ebenfalls mit 6:0. Im Kandidatenfinale traf Fischer auf den ehemaligen Weltmeister Tigran Petrosjan und gewann mit 6½:2½. Damit erhielt er das Recht, Weltmeister Boris Spasski herauszufordern. Die beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden 6:0-Erfolge gegen Weltklassespieler gehören zu den bemerkenswertesten Resultaten der Schachgeschichte.

Reykjavík 1972 – Schach wird Weltpolitik

Der Weltmeisterschaftskampf gegen Spasski fand 1972 in Reykjavík statt. Die internationale Öffentlichkeit machte daraus weit mehr als einen sportlichen Wettkampf. Mitten im Kalten Krieg saß ein Amerikaner dem Repräsentanten der sowjetischen Schachschule gegenüber.

Fischer machte es allerdings beinahe unmöglich, dass der Wettkampf überhaupt begann. Er stellte Forderungen hinsichtlich Preisgeld und Spielbedingungen, beanstandete Kameras, Beleuchtung und andere Details. Selbst der amerikanische Sicherheitsberater Henry Kissinger schaltete sich ein und drängte Fischer telefonisch zur Teilnahme.

Auch der Start verlief chaotisch. Fischer verlor die erste Partie und trat zur zweiten Partie nicht an. Damit lag er bereits 0:2 zurück.

Dann begann seine Aufholjagd.

Fischer gewann schließlich mit 12½:8½ und wurde am 1. September 1972 der elfte Schachweltmeister. Der Außenseiter aus Brooklyn hatte die jahrzehntelange sowjetische Vorherrschaft an der Spitze des Weltschachs beendet.

Auf dem Gipfel – und dann verschwand Fischer

Eigentlich hätte 1972 der Beginn einer langen Regentschaft sein können. Fischer war erst 29 Jahre alt, weltberühmt und befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Doch anschließend geschah etwas höchst Ungewöhnliches: Der Weltmeister zog sich praktisch aus dem Wettkampfschach zurück.

1975 sollte Fischer seinen Titel gegen den sowjetischen Herausforderer Anatoli Karpow verteidigen. Fischer stellte Forderungen an den Wettkampfmodus. Nicht alle wurden vom Weltschachverband akzeptiert. Fischer trat daraufhin nicht an. Karpow wurde kampflos zum Weltmeister erklärt.

Damit endete Fischers Regentschaft, ohne dass er seinen Titel am Brett verloren hatte.

„Meine 60 denkwürdigen Partien“ – Fischer über Fischer

Wer sich intensiv mit Schach beschäftigt, stößt zwangsläufig noch auf ein anderes Buch Fischers: „Meine 60 denkwürdigen Partien“ (My 60 Memorable Games). Das 1969 erstmals erschienene Werk enthält 60 von Fischer ausführlich kommentierte eigene Partien aus den Jahren 1957 bis 1967. Bemerkenswert ist, dass Fischer nicht nur Siege auswählte, sondern auch Remis und Niederlagen analysierte.

Das ebenfalls vergriffene Buch gilt als Klassiker der Schachliteratur. Für den Leser, der sich hauptsächlich für Fischers Lebensgeschichte interessiert, ist es allerdings nur bedingt geeignet: Es ist ein Schachbuch und kein biografisches Werk. Varianten, Zugfolgen und detaillierte Analysen stehen im Mittelpunkt. Wer selbst intensiv Schach spielt, bekommt damit einen unmittelbaren Einblick in Fischers Denken am Brett. Wer dagegen den Menschen Fischer kennenlernen möchte, findet in Frank Bradys „Endspiel“ den wesentlich zugänglicheren Einstieg. Eine zeitgenössische Besprechung bezeichnet My 60 Memorable Games entsprechend als besonders geeigneten Zugang zum Schachspieler Fischer selbst.

Zwanzig Jahre später: Fischer gegen Spasski – noch einmal

Nach seinem Rückzug dauerte es Jahrzehnte, bis Fischer noch einmal einen großen Wettkampf spielte.

1992 saß ihm wieder Boris Spasski gegenüber. In Jugoslawien wurde ein privat organisierter Revanchekampf veranstaltet. Wegen der damaligen Sanktionen gegen Jugoslawien hatten die amerikanischen Behörden Fischer jedoch davor gewarnt, dort anzutreten.

Fischer ignorierte die Warnung.

Bei einer Pressekonferenz spuckte er demonstrativ auf das Schreiben der amerikanischen Behörden. Anschließend spielte er den Wettkampf und besiegte Spasski erneut.

Die Konsequenzen waren erheblich. In den Vereinigten Staaten wurde Fischer wegen des Verstoßes gegen die Sanktionen angeklagt. Er kehrte nicht mehr in seine Heimat zurück.

Jüdische Wurzeln, die Fischer selbst zurückwies

Zu den Widersprüchen seiner Lebensgeschichte gehören Fischers extrem antisemitische Äußerungen. Sie sind auch deshalb bemerkenswert, weil seine Mutter Regina aus einer jüdischen Familie stammte. Fischer selbst wollte jedoch ausdrücklich nicht als Jude bezeichnet werden und wies diese Einordnung entschieden zurück.

Das führte sogar zu einem Konflikt mit Frank Brady. Als Brady in seiner ersten Fischer-Biografie Profile of a Prodigy von 1965 Fischers jüdische Herkunft erwähnte, protestierte Fischer. Brady erklärte ihm, dass er nach jüdischem Religionsrecht wegen seiner jüdischen Mutter als Jude gelte. Fischer akzeptierte dieses Argument nicht und brach schließlich den Kontakt zu Brady ab.

Dabei blieb es nicht. 1984 verlangte Fischer von den Herausgebern der Encyclopaedia Judaica, seinen Eintrag zu entfernen. Er wollte auch dort nicht als Jude geführt werden.

Seine Ablehnung einer jüdischen Identität ging einher mit zunehmend radikalen antisemitischen Äußerungen. So leugnete Fischer in einem Radiointerview in Budapest im Januar 1999 den Holocaust und behauptete, Juden hätten ihn erfunden, um damit Geld zu verdienen. Als der Moderator ihn darauf hinwies, dass Fischer selbst jüdischer Herkunft sei, wies Fischer dies zurück.

Für Aufsehen sorgten auch Fischers Äußerungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In einem Interview mit einem philippinischen Sender begrüßte er die Anschläge ausdrücklich und erklärte, er wolle die Vereinigten Staaten untergehen sehen. Dabei begründete er seine Haltung unter anderem mit seiner Ablehnung der amerikanischen Unterstützung Israels. Diese Aussagen gehören ebenso zu seiner Lebensgeschichte wie seine außergewöhnlichen Leistungen am Schachbrett.

Gerade Frank Brady stand damit vor einer schwierigen Aufgabe: Er kannte den jungen Fischer persönlich und hatte dessen Aufstieg aus nächster Nähe erlebt. Dennoch blendet seine spätere Biografie die dunklen Seiten seines Protagonisten nicht aus. Zeitgenössische Rezensionen von „Endgame“ heben gerade diesen Gegensatz zwischen dem außergewöhnlichen Schachspieler und dem später zunehmend von Hass und Verschwörungsvorstellungen geprägten Fischer hervor.

Verhaftet in Japan – gerettet von Island

2004 wurde Fischer am Flughafen Narita in Japan festgenommen. Sein amerikanischer Pass war für ungültig erklärt worden, und die Vereinigten Staaten bemühten sich um seine Auslieferung.

Es folgte ein monatelanges Tauziehen um seine Zukunft.

Schließlich kam ausgerechnet jenes Land zu Hilfe, in dem Fischer seinen größten Triumph gefeiert hatte: Island.

Das isländische Parlament verlieh ihm 2005 die Staatsbürgerschaft. Fischer konnte Japan verlassen und zog nach Reykjavík – in jene Stadt, in der er 33 Jahre zuvor Schachweltmeister geworden war.

Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Bobby Fischer starb am 17. Januar 2008 im Alter von 64 Jahren an Nierenversagen.

Eine häufig erwähnte, wenn auch natürlich rein zufällige Pointe seiner Lebensgeschichte: Ein Schachbrett hat 64 Felder.

Frank Brady kannte nicht nur die Schachlegende

Das Besondere an „Endspiel“ ist die Position seines Autors. Frank Brady schrieb nicht Jahrzehnte später über eine historische Persönlichkeit, die er nur aus Akten und Zeitungsartikeln kannte. Er begegnete Fischer bereits in jungen Jahren, spielte mit ihm Schach, ging mit ihm essen und verbrachte während verschiedener Phasen ihrer wechselhaften Bekanntschaft Zeit mit ihm.

Bereits 1965 hatte Brady mit Profile of a Prodigy eine erste Fischer-Biografie veröffentlicht. Jahrzehnte später konnte er für „Endgame“ auf den inzwischen abgeschlossenen Lebensweg Fischers zurückblicken.

Damit erzählt Brady letztlich von zwei Bildern derselben Person: dem außergewöhnlich begabten Jungen und Schachweltmeister – und dem Mann, der sich später immer weiter von seiner Heimat, früheren Weggefährten und schließlich großen Teilen der Öffentlichkeit entfernte.

Warum „Endspiel“ heute noch lesenswert ist

Man muss kein Schachspieler sein, um Bobby Fischers Geschichte faszinierend zu finden. Natürlich spielt Schach in diesem Buch eine zentrale Rolle. Doch „Endspiel“ ist keine Schachlehre und keine Sammlung kommentierter Partien. Es ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens.

Und kaum etwas verdeutlicht dessen Verlauf besser als die zeitlichen Dimensionen: 1972 erreicht Fischer mit 29 Jahren den Höhepunkt seiner Karriere. Drei Jahre später ist seine Zeit als Weltmeister bereits beendet. Danach liegen noch mehr als drei Jahrzehnte seines Lebens vor ihm.

Aus dem Wunderkind aus Brooklyn wurde der Herausforderer der sowjetischen Schachmacht, aus dem Herausforderer ein Weltmeister und aus einem der berühmtesten Amerikaner seiner Zeit schließlich ein Mann, der sein Heimatland nicht mehr betreten konnte und dessen öffentliche Äußerungen zunehmend von Antisemitismus und Verschwörungsvorstellungen geprägt waren.

Frank Bradys „Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer“ erzählt diese Entwicklung, ohne Fischers außergewöhnliche schachliche Leistungen von seinen späteren dunklen Seiten zu trennen.

Genau deshalb passt das Buch so gut in unsere Reihe „Vergriffene Lebensgeschichten“. Bobby Fischers Geschichte handelt nicht nur von einem der bedeutendsten Schachspieler des 20. Jahrhunderts. Sie handelt von außergewöhnlicher Begabung, Besessenheit, Weltruhm, Isolation und einem Lebensweg, der nach dem größten Triumph eine Richtung nahm, die 1972 wohl kaum jemand erwartet hätte.

Buchcover: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer

Frank Brady: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer
Riva Verlag, 2012
394 Seiten
ISBN: 9783868831993

Buchcover: Meine 60 denkwürdigen Partien

Bobby Fischer: Meine 60 denkwürdigen Partien
Orignal: My 60 Memorable Games – erstmals 1969 erschienen
Rattmann Verlag, 2008
ISBN: 9783880860445

Bereits erschienene Beiträge aus der Reihe „Vergriffenen Lebensgeschichten“