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Bettina Röhl – Die RAF hat euch lieb | Vergriffene Lebensgeschichten

Was bedeutet es für ein Kind, wenn die eigene Mutter ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, in den Untergrund geht und schließlich zu einer der bekanntesten Terroristinnen der Bundesrepublik wird?

Bettina Röhl kann diese Geschichte aus einer Perspektive erzählen, die kein Historiker nachträglich einnehmen kann. Sie ist die Tochter von Ulrike Meinhof und dem „konkret“-Herausgeber Klaus Rainer Röhl. Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Regine wuchs sie mitten in jenem politischen und gesellschaftlichen Milieu auf, aus dem sich Ende der 1960er-Jahre Teile der radikalen Linken entwickelten.

In ihrem 2018 bei Heyne erschienenen Buch „Die RAF hat euch lieb – Die Bundesrepublik im Rausch von 68. Eine Familie im Zentrum der Bewegung“ verbindet Bettina Röhl ihre Familiengeschichte mit einer kritischen Auseinandersetzung mit der 68er-Bewegung und der Entstehung der RAF. Für ihre jahrelangen Recherchen wertete sie auch bislang unveröffentlichte Briefe, Dokumente und Fotografien aus.

Kindheit im Zentrum der 68er

Bettina und Regine Röhl wurden 1962 geboren. Ihr Vater Klaus Rainer Röhl war Herausgeber der Zeitschrift „konkret“, ihre Mutter Ulrike Meinhof eine der bekanntesten linken Publizistinnen der Bundesrepublik.

Das Elternhaus der Zwillinge war damit kein gewöhnliches. Journalisten, Intellektuelle und politische Aktivisten gehörten zum Umfeld der Familie. Die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen der 1960er-Jahre spielten sich für die Kinder nicht nur in den Nachrichten ab, sondern unmittelbar in ihrer eigenen Familie.

Bettina Röhl blickt Jahrzehnte später ausgesprochen kritisch auf dieses Milieu zurück. Dabei schreibt sie nicht als unbeteiligte Chronistin. Die politischen Entscheidungen ihrer Eltern, insbesondere die ihrer Mutter, hatten unmittelbare Auswirkungen auf ihre eigene Kindheit.

Gerade diese Verbindung von Familiengeschichte und Zeitgeschichte macht das Buch ungewöhnlich.

Als Ulrike Meinhof in den Untergrund ging

Ende der 1960er-Jahre zerbrach die Ehe von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl. Meinhof zog mit den beiden Töchtern nach West-Berlin und radikalisierte sich zunehmend.

Der endgültige Bruch mit ihrem bisherigen Leben kam 1970. Am 14. Mai beteiligte sich Meinhof an der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in West-Berlin. Bei der Aktion wurde ein Angestellter angeschossen und schwer verletzt.

Meinhof ging anschließend in den Untergrund und gehörte zur Gründungsgruppe der Roten Armee Fraktion.

Für ihre siebenjährigen Töchter bedeutete diese politische Entscheidung vor allem eines: Ihre Mutter verschwand aus ihrem bisherigen Alltag.

Was für die Bundesrepublik zum Beginn eines der dunkelsten Kapitel des Linksterrorismus wurde, war für Bettina und Regine Röhl zunächst eine Familienkatastrophe.

Die Zwillinge auf Sizilien

Eine der außergewöhnlichsten Episoden des Buches betrifft die beiden Mädchen selbst.

Nach Meinhofs Gang in den Untergrund wurden Bettina und Regine nach Sizilien gebracht und dort vor ihrem Vater verborgen. Nach der Darstellung Bettina Röhls und Stefan Austs sollten die Mädchen anschließend in ein palästinensisches Lager im Nahen Osten gebracht werden – eine Darstellung, die von anderen Angehörigen und Autoren später bestritten wurde.

An dieser Stelle taucht der damals erst 24-jährige Journalist Stefan Aust auf. Er kannte Ulrike Meinhof aus seiner Zeit bei „konkret“ und erhielt über Peter Homann, der sich von der Gruppe um Baader und Meinhof getrennt hatte, Informationen über den Aufenthaltsort der Mädchen.

Mit Hilfe weiterer Informationen aus dem Umfeld der Gruppe gelang es Aust, die Zwillinge auf Sizilien ausfindig zu machen. Im September 1970 brachte er Bettina und Regine nach Deutschland zu ihrem Vater Klaus Rainer Röhl zurück.

Für Bettina Röhl ist diese Episode ein entscheidender Bestandteil ihrer Kindheitsgeschichte: Während ihre Mutter endgültig in den Untergrund ging, entschieden andere Erwachsene darüber, wo und bei wem die beiden siebenjährigen Mädchen künftig leben sollten.

Stefan Aust schildert diese und zahlreiche weitere Begegnungen mit der deutschen Zeitgeschichte übrigens auch in seiner lesenswerten Autobiografie „Zeitreise“.

Aus der Mutter wird eine der meistgesuchten Frauen Deutschlands

Während Bettina und Regine wieder bei ihrem Vater lebten, entwickelte sich die RAF zu einer terroristischen Organisation.

Ulrike Meinhof lebte im Untergrund, wurde 1972 verhaftet und schließlich in Stuttgart-Stammheim inhaftiert.

Für Bettina Röhl bestand dabei ein Gegensatz, der ihre gesamte weitere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit prägen sollte: Ulrike Meinhof war einerseits eine bundesweit bekannte Journalistin und später Terroristin, über die Zeitungen berichteten und deren Name schließlich Bestandteil deutscher Zeitgeschichte wurde.

Andererseits war sie ihre Mutter.

Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle gefunden. Die offiziellen Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sie Suizid begangen hatte. Behauptungen, sie sei getötet worden, hielten sich insbesondere in Teilen der politischen Linken lange. Bettina Röhl selbst geht ebenfalls von einem Suizid ihrer Mutter aus.

Warum heißt das Buch „Die RAF hat euch lieb“?

Der ungewöhnliche Titel stammt von Ulrike Meinhof selbst.

Während ihrer Haft schrieb sie ihren Töchtern Bettina und Regine Briefe. In einem davon findet sich der Satz:

„Die RAF hat Euch lieb.“

Als Bettina Röhl 1996 mit ihren Recherchen begann, befanden sich nach ihrer eigenen Darstellung lediglich vier Briefe ihrer Mutter aus der Haftzeit 1972/73 in ihrem Besitz. Einer davon war jener Brief mit dem Satz, der Jahrzehnte später zum Titel ihres Buches werden sollte. Dies beschreibt Röhl selbst im Vorwort.

Der Satz bekommt vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte eine besondere Bedeutung. Meinhof schrieb ihren Kindern von der Liebe einer politischen Gruppe, während ihre Entscheidung für den Untergrund und diese Gruppe gleichzeitig zur Trennung von ihren Töchtern beigetragen hatte.

Damit fasst der Titel in wenigen Worten einen zentralen Widerspruch dieser Lebensgeschichte zusammen.

Die Tochter blickt auf die Mutter zurück

Bettina Röhl verklärt ihre Mutter nicht. Im Gegenteil: Ihre Auseinandersetzung mit Ulrike Meinhof und dem politischen Umfeld der 1960er- und 1970er-Jahre fällt teilweise ausgesprochen scharf aus.

Das sollte man beim Lesen berücksichtigen. „Die RAF hat euch lieb“ ist keine distanzierte wissenschaftliche Biografie Ulrike Meinhofs und auch keine neutrale Gesamtdarstellung der RAF.

Röhl schreibt aus der Perspektive einer unmittelbar Betroffenen.

Gerade deshalb ist das Buch interessant. Politische Entscheidungen erscheinen hier nicht nur als Abfolge historischer Ereignisse. Man sieht ihre Auswirkungen auf eine Familie und insbesondere auf zwei Kinder.

Röhl beschränkt sich allerdings nicht auf ihre Erinnerungen. Das 640 Seiten umfassende Buch basiert auch auf umfangreichen Recherchen sowie Briefen, Dokumenten, Fotografien und Gesprächen mit Zeitzeugen. Der Verlag bezeichnet es entsprechend als historisch-biografische Auseinandersetzung mit der linken Geschichte der Bundesrepublik.

Eine Familiengeschichte wird Zeitgeschichte

Bei vielen Biografien kennt man das Ende bereits, bevor man die erste Seite aufschlägt. Bei Bettina Röhls Geschichte kennt man sogar zahlreiche handelnde Personen.

Ulrike Meinhof, Andreas Baader und die RAF sind längst Bestandteil deutscher Zeitgeschichte.

„Die RAF hat euch lieb“ verschiebt jedoch den Blickwinkel. Im Mittelpunkt steht nicht nur die Frage, warum sich Menschen politisch radikalisierten und schließlich für terroristische Gewalt entschieden.

Es geht auch um diejenigen, die mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen leben mussten.

Bettina Röhl war sieben Jahre alt, als ihre Mutter in den Untergrund ging. Sie wurde mit ihrer Schwester nach Sizilien gebracht, von Stefan Aust nach Deutschland zurückgeholt und wuchs anschließend ohne ihre Mutter auf. Sechs Jahre später war Ulrike Meinhof tot.

Jahrzehnte danach begann Röhl, diese Geschichte anhand von Erinnerungen, Briefen, Dokumenten und Gesprächen zu rekonstruieren.

Warum „Die RAF hat euch lieb“ heute noch lesenswert ist

Vielleicht ist deshalb weniger die RAF selbst das eigentlich Außergewöhnliche an diesem Buch als die Perspektive, aus der ihre Vorgeschichte erzählt wird.

Bettina Röhl schreibt über eine politische Epoche, die gleichzeitig ihre eigene Kindheit war. Die berühmte Journalistin Ulrike Meinhof, die spätere RAF-Terroristin und die Mutter, die ihre Töchter zurückließ, sind dabei ein und dieselbe Person.

Röhls Bewertungen kann man teilen oder ihnen widersprechen. Ihre persönliche Erfahrung lässt sich davon jedoch nicht trennen.

Und genau das macht „Die RAF hat euch lieb“ zu einer besonderen Lebensgeschichte: Große politische Ereignisse erscheinen plötzlich nicht mehr nur als Jahreszahlen, Namen und Schlagzeilen. Man sieht sie aus der Perspektive eines Kindes, in dessen Familie sie tatsächlich stattgefunden haben.

Buchcover: Die RAF hat euch lieb – Die Bundesrepublik im Rausch von 68

Bettina Röhl: „Die RAF hat euch lieb – Die Bundesrepublik im Rausch von 68. Eine Familie im Zentrum der Bewegung“
Heyne
Gebunden mit Schutzumschlag
Erstausgabe 2018
640 Seiten
ISBN: 9783453201507

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