Sind Bücher eine gute Geldanlage? Wir vergleichen Äpfel mit Birnen
Bücher mit Aktien zu vergleichen ist ungefähr so sinnvoll wie der berühmte Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Ein Buch kann man lesen, ins Regal stellen, verschenken, sammeln – und im Notfall einen wackelnden Tisch damit stabilisieren. Mit einem DAX-Punkt gelingt all das eher schlecht. Trotzdem wollen wir genau diesen Vergleich wagen.
Denn wer sich mit alten Büchern beschäftigt, hört regelmäßig Geschichten von Büchern, die vor Jahrzehnten für wenige Mark gekauft wurden und heute ein kleines Vermögen wert sein sollen. Solche Fälle gibt es tatsächlich. Seltene Erstausgaben, signierte Exemplare, kleine Auflagen oder Bücher mit besonderer Provenienz können erstaunliche Preise erzielen. Aber was ist mit ganz gewöhnlichen Büchern? Und noch interessanter: Was ist mit Büchern, die zu ihrer Zeit besonders erfolgreich waren?
Wir machen deshalb ein kleines Gedankenexperiment und reisen zurück in den Sommer 1988.
Wir gehen 1988 Bücher kaufen
Am 1. Juli 1988 wurde der DAX erstmals veröffentlicht. Sein Startwert betrug 1.163,52 Punkte.[1] Praktischerweise wissen wir auch, welche Bücher zu dieser Zeit ganz oben auf der SPIEGEL-Bestsellerliste standen.[2] Stellen wir uns also vor, wir hätten uns Anfang Juli 1988 nicht mit Aktienkursen beschäftigt, sondern wären mit ausreichend Bargeld in die Buchhandlung gegangen und hätten die zehn führenden Belletristik-Bestseller gekauft.
| Rang | Autor und Titel | ISBN | Preis 1988 | geschätzter Wert 2026 |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Gabriel García Márquez – Die Liebe in den Zeiten der Cholera | 3-462-01804-3 | 39,80 DM | ca. 8 € |
| 2 | Stephen King – Das Monstrum | 3-455-01902-1 | 39,80 DM | ca. 18 € |
| 3 | Patrick Süskind – Das Parfum | 3-257-01678-6 | 29,80 DM | ca. 10 € |
| 4 | Andrzej Szczypiorski – Die schöne Frau Seidenman | 3-257-01758-8 | 29,80 DM | ca. 4 € |
| 5 | Rainer Büttner – ALF – Hallo, da bin ich | 3-7855-2171-5 | 19,80 DM | ca. 5 € |
| 6 | James Clavell – Wirbelsturm | 3-426-19155-5 | 44,00 DM | ca. 12 € |
| 7 | Fynn – Anna schreibt an Mister Gott | 3-502-10246-5 | 16,80 DM | ca. 5 € |
| 8 | Justus Pfaue – Anna | 3-7855-2142-1 | 19,80 DM | ca. 5 € |
| 9 | Noah Gordon – Der Medicus | 3-426-19192-X | 44,00 DM | ca. 8 € |
| 10 | Barbara Noack – Der Zwillingsbruder | 3-7844-2153-9 | 34,00 DM | ca. 4 € |
| Gesamt | 317,60 DM | ca. 79 € | ||
*Die Buchtitel sind mit Amazon verlinkt (Affiliate-Links).
Bei den heutigen Werten handelt es sich um Marktwertschätzungen für vergleichbare gewöhnliche Exemplare in sehr gutem Zustand. Signierte Exemplare, seltene Sonderausgaben, außergewöhnliche Provenienzen oder andere Besonderheiten bleiben unberücksichtigt. Tatsächliche Verkaufserlöse können niedriger oder höher ausfallen.
Unser Einkauf hätte also 317,60 DM gekostet. Nach dem später festgelegten Umrechnungskurs von 1,95583 DM je Euro entsprechen das 162,39 Euro. 38 Jahre später schätzen wir den gemeinsamen Marktwert der zehn Bücher auf gerade einmal rund 79 Euro. Und dabei waren wir ausgesprochen fürsorgliche Buchbesitzer: Kein Wasserschaden, kein Keller, keine fehlenden Schutzumschläge, keine Kaffeeflecken und kein Hund, der sich an einer Ecke von Das Parfum versucht hat. Wir unterstellen einfach, dass sämtliche Bücher 38 Jahre lang kostenlos und in sehr gutem Zustand aufbewahrt wurden. Selbst dann sieht es mit der Rendite eher übersichtlich aus.
Das Bestseller-Problem
Eigentlich müsste man doch denken: Wenn ein Buch 1988 ein Bestseller war, müsste es heute besonders gesucht sein. Leider hat die Sache einen kleinen Haken: Bestseller heißen Bestseller, weil sehr viele davon verkauft wurden. Und was in sehr großer Stückzahl verkauft wurde, taucht Jahrzehnte später häufig auch in sehr großer Stückzahl auf dem Gebrauchtbuchmarkt auf. Das ist eine der kleinen Gemeinheiten des Antiquariats: Berühmt ist nicht automatisch selten – und alt ist nicht automatisch wertvoll.
Patrick Süskinds Das Parfum ist dafür ein schönes Beispiel. Der Roman gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Büchern der vergangenen Jahrzehnte. Trotzdem wird ein gewöhnliches älteres Exemplar nicht allein deshalb zum Schatz, weil Patrick Süskind auf dem Einband steht. Für Sammler können eine bestimmte Auflage, ein außergewöhnlicher Zustand, der originale Schutzumschlag, eine Signatur oder andere Besonderheiten entscheidend sein. Wirklich interessant wird es meistens dann, wenn zwei Dinge zusammenkommen: Nachfrage und Knappheit.
Was hätte der DAX aus unseren 317,60 DM gemacht?
Jetzt beginnt der Vergleich von Äpfeln mit Birnen endgültig. Statt unsere zehn Bücher zu kaufen, legen wir die 317,60 DM gedanklich in den gerade gestarteten DAX. Der DAX begann am 1. Juli 1988 bei 1.163,52 Punkten. Am 1. Juli 2026 schloss er bei 25.040,28 Punkten.[3] Aus den umgerechnet 162,39 Euro wären damit rechnerisch rund 3.495 Euro geworden.
Ganz so einfach hätte man das 1988 natürlich nicht umsetzen können. Einen heutigen DAX-ETF konnte man damals nicht kaufen. Unser Vergleich ist deshalb eine Modellrechnung: Wir tun so, als hätten wir unser Geld vom ersten Tag an entsprechend der Entwicklung des DAX angelegt. Der DAX wird üblicherweise als Performanceindex dargestellt. Dabei werden Ausschüttungen rechnerisch wieder angelegt.[1] Zwischenstand unseres etwas unfairen Wettkampfs: Bücher: 79 Euro. DAX: 3.495 Euro. Für die Bücher läuft es nicht gut.
Vielleicht haben die Bücher gegen Gold bessere Chancen
Aktien sind schließlich Unternehmensbeteiligungen. Unternehmen erwirtschaften Gewinne, investieren und zahlen teilweise Dividenden. Ein Buch macht nichts davon. Also geben wir unseren Büchern einen vermeintlich faireren Gegner: Gold. Gold liegt schließlich ebenfalls hauptsächlich herum. Es zahlt keine Dividende, schreibt keine Rechnung und entwickelt während der Lagerung auch kein neues Geschäftsmodell.
Am 1. Juli 1988 kostete eine Feinunze Gold rund 436,50 US-Dollar.[4] Beim damaligen Wechselkurs von ungefähr 1,8210 DM je US-Dollar ergibt sich rechnerisch ein Preis von etwa 25,56 DM je Gramm.[5] Für unsere 317,60 DM hätten wir also ungefähr 12,43 Gramm Gold bekommen. Am 1. Juli 2026 lag der Goldpreis bei rund 114,11 Euro je Gramm.[6] Unsere 12,43 Gramm wären damit rund 1.418 Euro wert.
| Unser „Investment“ | 1988 | Wert am 1.7.2026 |
|---|---|---|
| 10 SPIEGEL-Bestseller | 317,60 DM | ca. 79 € |
| Gold | 317,60 DM | ca. 1.418 € |
| DAX | 317,60 DM | ca. 3.495 € |
Auch dieser Vergleich ist bewusst vereinfacht. Steuern, Kauf- und Verkaufskosten, Spreads sowie Lager-, Versicherungs- oder Depotkosten sind nicht berücksichtigt. Bei den Büchern handelt es sich zudem um geschätzte Marktwerte und nicht um einen einheitlich feststellbaren Börsenkurs.
Und dann brauchen Bücher auch noch Platz
Für unsere Bücher wird es noch schlimmer. Gold benötigt zwar ebenfalls einen sicheren Aufbewahrungsort. Bei Büchern kann der Platzbedarf aber schnell beeindruckende Ausmaße annehmen. Zehn Bücher passen noch problemlos in ein Regal. Aus zehn werden bei Buchliebhabern allerdings erstaunlich schnell hundert. Und aus hundert irgendwann tausend. Dann wird aus der vermeintlichen Kapitalanlage plötzlich eine Immobilienfrage.
Bücher benötigen trockene Räume, sollten vor Feuchtigkeit, direkter Sonneneinstrahlung und Schädlingen geschützt werden und möchten möglichst nicht jahrzehntelang in einer feuchten Garage auf ihren großen Wertzuwachs warten. Wer eine größere Sammlung besitzt, kennt deshalb eine besondere Form der Buchrendite: Man kauft irgendwann ein weiteres Regal.
Sind Bücher also eine miserable Geldanlage?
Wenn wir ausschließlich unseren kleinen Versuch betrachten, lautet das Ergebnis ziemlich eindeutig: Unsere zehn Bestseller waren als Kapitalanlage keine Glanzleistung. Allerdings wäre es genauso falsch, daraus zu schließen, dass Bücher grundsätzlich nicht erheblich an Wert gewinnen können. Eine seltene Erstausgabe, eine gesuchte Ausgabe mit Schutzumschlag, ein signiertes Exemplar oder ein Buch mit außergewöhnlicher Provenienz spielt in einer völlig anderen Liga als ein gewöhnlicher Bestseller aus einer hohen Auflage.
Hinzu kommt ein Punkt, den Antiquariate aus der täglichen Praxis kennen: Bei Büchern wird ein möglicher Gewinn häufig bereits beim Einkauf gemacht. Wer auf einem Flohmarkt für fünf Euro ein Buch entdeckt, das tatsächlich 200 Euro wert ist, hat eine völlig andere Ausgangslage als jemand, der für ein Buch den üblichen Marktpreis bezahlt und anschließend 30 Jahre auf eine Wertsteigerung wartet. Als klassische Geldanlage bleiben Bücher deshalb schwierig: Der Markt ist wenig standardisiert, Zustände unterscheiden sich, Preise schwanken und Käufer für seltene Titel müssen manchmal erst gefunden werden.
Aber wir haben bei unserer Rechnung etwas Entscheidendes vergessen
Bis hierher haben unsere zehn Bücher ziemlich schlecht abgeschnitten. Das liegt allerdings auch daran, dass wir ihnen eine etwas merkwürdige Aufgabe gestellt haben: Wir haben Bücher behandelt, als wären sie Goldbarren mit Seiten. Ein Buch wurde aber ursprünglich nicht dafür hergestellt, 38 Jahre möglichst unberührt im Regal zu stehen und anschließend mit Gewinn verkauft zu werden. Man kann es tatsächlich lesen.
Und plötzlich wird die Rechnung komplizierter. Wer 1988 Der Medicus, Das Parfum oder Die Liebe in den Zeiten der Cholera gekauft und gelesen hat, besitzt 2026 nicht nur ein gebrauchtes Buch. Der eigentliche Nutzen des Kaufes ist möglicherweise längst entstanden. Ein Buch kann unterhalten, Wissen vermitteln, Neugier wecken, eine Meinung verändern oder dazu führen, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das vorher vollkommen unbekannt war. Dafür gibt es keinen Börsenkurs.
Lesekompetenz hat durchaus einen messbaren Wert
Ganz ohne Zahlen müssen wir diesen Gedanken trotzdem nicht stehen lassen. Die OECD untersucht mit ihrer internationalen PIAAC-Studie die Fähigkeiten Erwachsener – darunter die Lesekompetenz – und deren Zusammenhang mit wirtschaftlichen und sozialen Ergebnissen.[7] Für Deutschland zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Kompetenzen und Einkommen. Frühere OECD-Auswertungen kamen zu dem Ergebnis, dass Erwachsene mit vergleichbarem Bildungsniveau, aber höherer Lesekompetenz im Durchschnitt höhere Löhne erzielen.[8]
Wichtig ist allerdings, daraus nicht die falsche Schlagzeile zu machen: „Wer viele Bücher liest, wird reich“ lässt sich daraus nicht ableiten. Lesekompetenz und die Zahl gelesener Bücher sind nicht dasselbe. Und ein statistischer Zusammenhang zwischen Fähigkeiten und Einkommen beweist noch nicht, dass das eine allein die Ursache des anderen ist. Ausbildung, Beruf, soziale Voraussetzungen und viele weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Daten zeigen durchaus: Fähigkeiten im Umgang mit Informationen und geschriebenen Texten besitzen auch einen wirtschaftlich messbaren Wert.
Die Rendite steht vielleicht nicht auf dem Preisschild
Damit endet unser zugegebenermaßen unfairer Wettkampf zwischen Büchern, Gold und DAX etwas versöhnlicher. Wer 1988 für 317,60 DM unsere zehn Bestseller gekauft und sie anschließend ungelesen in den Schrank gestellt hat, hätte mit Gold oder Aktien finanziell vermutlich die bessere Entscheidung getroffen. Wer die Bücher dagegen gelesen hat, hat etwas erhalten, das in unserer Tabelle überhaupt nicht auftaucht: Unterhaltung, Wissen, Sprache, Ideen, Erfahrungen anderer Menschen – vielleicht sogar Fähigkeiten, die ein ganzes Berufsleben beeinflussen können.
Und natürlich darf ein Buch noch etwas sein, das in keiner Renditerechnung vorkommt: ein Gegenstand, an dem Erinnerungen hängen. Das Buch aus der Kindheit, das Geschenk eines Menschen, den es nicht mehr gibt, die zerlesene Lieblingsausgabe oder das Buch, das einen für ein bestimmtes Thema begeistert hat, kann auf dem Antiquariatsmarkt fünf Euro kosten und für seinen Besitzer trotzdem unverkäuflich sein. Das ist der ideelle Wert eines Buches – und der lässt sich weder in DAX-Punkten noch in Gramm Gold umrechnen.
Unser Experiment beantwortet die Ausgangsfrage deshalb vielleicht anders als erwartet: Bücher sind häufig keine besonders gute Geldanlage. Aber das Wissen, die Erfahrungen und die Fähigkeiten, die man aus ihnen gewinnt, können eine Investition sein, deren Rendite sich ganz woanders zeigt.
Und was könnte künstliche Intelligenz daran ändern?
Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht ganz zu Ende. Denn während unser Experiment zurück ins Jahr 1988 führte, stellt sich für alte Bücher inzwischen eine ganz neue Frage. Künstliche Intelligenz macht es möglich, Texte in einer Geschwindigkeit und Menge zu produzieren, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Gleichzeitig wächst der Bereich Selfpublishing und Print-on-Demand.
Könnte das langfristig sogar beeinflussen, was Sammler an alten Büchern schätzen? Wird irgendwann nicht mehr nur gefragt, welche Auflage ein Buch hat oder ob der Schutzumschlag vorhanden ist – sondern auch, ob ein Text noch vollständig aus einer Zeit vor generativer KI stammt? Und alte gedruckte Bücher besitzen noch eine weitere interessante Eigenschaft: Was einmal auf ihren Seiten steht, lässt sich nicht per Update verändern oder aus der Ferne löschen. Gedruckt bedeutet nicht wahr. Gedruckt bedeutet aber fixiert.
Genau darum geht es im zweiten Teil: „Werden alte Bücher durch KI wertvoller?“
Quellen und Hinweise
[1] Deutsche Börse: Angaben zur Geschichte des DAX, zum Start am 1. Juli 1988 mit 1.163,52 Punkten sowie zur Berechnung als Performanceindex. Deutsche Börse: 20 years of DAX.
[2] SPIEGEL-Bestsellerliste, Belletristik, Anfang Juli 1988. Zur Rekonstruktion der historischen Liste wurde unter anderem das handdigitalisierte Archiv LibraNoir herangezogen; die bibliografischen Angaben wurden separat abgeglichen. SPIEGEL Bestseller-Archiv / LibraNoir: Bestseller 1988.
[3] Deutsche Börse: Historische DAX-Kurse. Für den Vergleich wurde der Stand vom 1. Juli 2026 verwendet. Historische Preise und Umsätze des DAX.
[4] Historische Goldpreisdaten: Für den 1. Juli 1988 werden rund 436,50 US-Dollar je Feinunze ausgewiesen. SD Bullion: Gold Prices 1988.
[5] Historische Devisendaten für Juli 1988. Für die Modellrechnung wurde für den 1. Juli ein Dollarkurs von rund 1,8210 DM je US-Dollar zugrunde gelegt. Historische Devisendaten.
[6] Historischer Goldpreis in Deutschland 2026. Für den 1. Juli 2026 werden rund 114,11 Euro je Gramm 24-karätiges Gold ausgewiesen. Goldpreis Deutschland 2026.
[7] OECD, Survey of Adult Skills (PIAAC): Die internationale Untersuchung erfasst unter anderem Lesekompetenz und untersucht deren Zusammenhang mit wirtschaftlichen und sozialen Ergebnissen. OECD: Survey of Adult Skills 2023 – Germany.
[8] OECD Economic Surveys: Germany 2018. Die OECD untersucht für Deutschland unter anderem den Zusammenhang zwischen Lesekompetenz, Bildungsniveau und Löhnen. OECD: Improving skills and their use.
Hinweis: Unser Vergleich ist ein Gedankenexperiment und keine Anlageberatung. Steuern, Inflation, Kauf- und Verkaufskosten, Spreads sowie Lager-, Versicherungs- und Depotkosten sind nicht vollständig berücksichtigt. Die heutigen Buchpreise sind Marktwertschätzungen und keine garantierten Verkaufspreise.

