Viktor Lustig – Hat er den Eiffelturm wirklich verkauft? | Vergriffene Lebensgeschichten
Ein Mann verkauft den Eiffelturm. Nicht einmal, sondern gleich zweimal. Was wie eine absurde Komödie klingt, soll sich 1925 tatsächlich in Paris ereignet haben. Der Täter: Viktor Lustig, einer der raffiniertesten Hochstapler des 20. Jahrhunderts. Seine Geschichte wurde insbesondere durch das Buch „Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“ von James F. Johnson und Floyd Miller bekannt. Doch wie viel davon ist wirklich passiert? Die 1964 im Heyne Verlag erschienene deutsche Ausgabe ist heute eine gesuchte antiquarische Rarität. Und bei genauerer Lektüre stellt sich die Frage, ob die Autoren nicht selbst entscheidend zur Entstehung einer großen Legende beigetragen haben.
Viktor Lustig – ein Leben als Hochstapler
Viktor Lustig wurde nach verbreiteten biografischen Angaben am 4. Januar 1890 im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Als Geburtsort wird meist die böhmische Stadt Arnau, heute Hostinné in Tschechien, genannt. Allerdings fand der tschechische Lokalhistoriker Tomáš Anděl bei seinen Nachforschungen keine eindeutigen Belege dafür, dass Lustig tatsächlich aus Arnau stammte. Auch seine familiäre Herkunft bleibt ungeklärt: Während einige Quellen von einer jüdischen Abstammung ausgehen, beschreiben andere sein Elternhaus als katholisch.
Lustig beherrschte mehrere Sprachen, trat unter wechselnden Namen auf und bewegte sich mit erstaunlicher Sicherheit in gehobenen Gesellschaftskreisen. Mal gab er sich als Graf aus, mal als Geschäftsmann oder einflussreicher Vermittler. Seine Opfer waren häufig wohlhabende Menschen, die auf ein besonders lukratives Geschäft hofften. Lustig nutzte ihre Gier ebenso geschickt aus wie ihre Eitelkeit und ihr Vertrauen in gesellschaftliche Titel.
Lehrjahre in der Unterwelt – Lustig und die Kosher Nostra
Seine ersten Erfahrungen als professioneller Hochstapler sammelte Viktor Lustig auf den großen Passagierschiffen, die zwischen Europa und Amerika verkehrten. Die langen Überseefahrten boten ihm ideale Bedingungen: wohlhabende Reisende, ausgedehnte Gesellschaftsabende und Glücksspielrunden, bei denen beträchtliche Summen den Besitzer wechseln konnten.
Nach der Darstellung von James F. Johnson und Floyd Miller lernte Lustig auf diesen Überfahrten den bekannten amerikanischen Glücksspieler und Falschspieler Jules „Nicky“ Arnstein kennen. Arnstein, der dem Umfeld der jüdisch-amerikanischen Unterwelt zugerechnet wird, soll Lustig in die Methoden des professionellen Falschspiels eingeführt haben. Über ihn kam Lustig mit jenem kriminellen Milieu in Berührung, das später unter der Bezeichnung „Kosher Nostra“ bekannt wurde.
Wie eng Lustig tatsächlich mit den Organisationen dieser Unterwelt zusammenarbeitete, lässt sich nicht abschließend belegen. Eine feste Mitgliedschaft in einer der großen Gangsterorganisationen ist nicht nachgewiesen. Seine Bekanntschaft mit Arnstein zeigt jedoch, wie eng die Welt der professionellen Hochstapler mit den kriminellen Netzwerken jener Zeit verflochten war.
Besonders bekannt wurde seine angebliche Begegnung mit Al Capone. Lustig soll den Chicagoer Gangsterboss überredet haben, ihm 50.000 Dollar für ein vielversprechendes Geschäft anzuvertrauen. Statt das Geld zu investieren, verwahrte er es zwei Monate lang und gab es anschließend vollständig zurück. Er behauptete, das Geschäft sei gescheitert. Capone war von dieser vermeintlichen Ehrlichkeit so beeindruckt, dass er Lustig 5.000 Dollar als Unterstützung überlassen haben soll. Genau darauf hatte Lustig angeblich von Anfang an spekuliert.
„The Wire“ – der Betrug mit dem falschen Wettbüro
Zu den raffiniertesten Betrugsmaschen, die mit Lustigs Namen verbunden werden, gehört der sogenannte Wire-Betrug. Dabei richteten Betrüger ein vollständig fingiertes Wettbüro ein, in dem scheinbar reguläre Wetten auf Pferderennen abgeschlossen werden konnten.
Die Masche beruhte auf einem angeblichen Informationsvorsprung bei der telegrafischen Übermittlung von Rennergebnissen. Den Opfern wurde eingeredet, man könne das Ergebnis eines Pferderennens bereits kennen, bevor es offiziell im Wettbüro eintraf. Dadurch seien praktisch risikolose Gewinne möglich.
Tatsächlich war die gesamte Umgebung sorgfältig inszeniert. Das Wettbüro, seine Mitarbeiter, die Renninformationen und teilweise auch die vermeintlichen Gewinne gehörten zu einem ausgeklügelten Täuschungsmanöver. Die Opfer sollten zunächst Vertrauen gewinnen und anschließend immer größere Summen einsetzen.
Filmfreunden dürfte diese Betrugsmasche bekannt vorkommen. Sie steht im Mittelpunkt des amerikanischen Kinoklassikers „Der Clou“ (Originaltitel „The Sting“) von 1973. In dem mit sieben Oscars ausgezeichneten Film legen Robert Redford und Paul Newman einem Gangsterboss mit einem fingierten Wettbüro und manipulierten Renninformationen eine Falle.
Der Film basiert nicht auf Lustigs Lebensgeschichte, greift aber historische Methoden professioneller Hochstapler auf. Eine wichtige literarische Darstellung solcher Betrugsmaschen findet sich bereits in David W. Maurers 1940 erschienenem Buch „The Big Con: The Story of the Confidence Man“.
Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte
Sein berühmtester Betrug soll Lustig 1925 in Paris gelungen sein. Die Geschichte ist ebenso einfach wie unglaublich.
Als angeblicher hoher Beamter des französischen Staates lud Lustig mehrere Schrotthändler zu einer vertraulichen Besprechung in das vornehme Hôtel de Crillon ein. Dort erklärte er, die Regierung habe beschlossen, den Eiffelturm abzureißen. Die Unterhaltungskosten seien zu hoch, der bauliche Zustand problematisch und die Angelegenheit politisch heikel. Deshalb müsse der Verkauf des Metalls streng geheim bleiben.
Die eingeladenen Geschäftsleute sollten Angebote für den Schrottwert des Turms abgeben. Den Zuschlag erhielt angeblich ein Händler namens André Poisson. Dieser zahlte nicht nur den vereinbarten Kaufpreis, sondern soll Lustig zusätzlich ein Bestechungsgeld übergeben haben.
Als Poisson den Betrug bemerkte, habe er sich aus Scham nicht an die Polizei gewandt. Lustig konnte mit dem Geld verschwinden.
Es ist die perfekte Geschichte über einen genialen Hochstapler. Vielleicht sogar eine zu perfekte.
Denn so häufig der angebliche Eiffelturm-Verkauf heute erzählt wird, so erstaunlich dünn ist seine historische Grundlage. Bislang ist kein zeitgenössischer französischer Zeitungsbericht bekannt, der den Betrug von 1925 eindeutig bestätigt. Auch ein entsprechender Polizeibericht oder eine Strafanzeige konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
Das allein muss allerdings noch kein Grund sein, die Geschichte grundsätzlich anzuzweifeln. Nach der Darstellung von Johnson und Miller verzichtete der angeblich geschädigte Schrotthändler André Poisson aus Scham auf eine Anzeige. Schließlich hatte er sich nicht nur auf einen absurden Handel eingelassen, sondern dem vermeintlichen Regierungsbeamten zusätzlich ein Bestechungsgeld gezahlt. Dass ein Geschäftsmann unter solchen Umständen einen öffentlichen Skandal vermeiden wollte, erscheint durchaus plausibel.
Wesentlich problematischer ist jedoch der angebliche zweite Verkaufsversuch.
Der zweite Eiffelturm-Verkauf – die größte Schwachstelle der Geschichte?
Johnson und Miller schildern, wie sich Lustig nach seinem ersten Coup nach Wien absetzte und dort aufmerksam die Pariser Zeitungen verfolgte. Als keine Berichte über den spektakulären Betrug erschienen, soll er beschlossen haben, den Eiffelturm ein weiteres Mal zu verkaufen.
In dem Buch wird dieser Entschluss mit einem Gespräch zwischen Lustig und seinem Komplizen Dapper Dan illustriert. Lustig schlägt vor, den Eiffelturm noch einmal zu verkaufen. Sein Komplize hält das zunächst für unmöglich, weil der Turm schließlich bereits verkauft sei. Lustig entgegnet sinngemäß, dass sie ihn gerade deshalb erneut verkaufen könnten, weil sie ihn noch immer in ihrem Besitz hätten.
Die beiden kehren daraufhin nach Paris zurück und versuchen nach Darstellung der Autoren, den Betrug zu wiederholen. Diesmal allerdings bemerkt das zweite Opfer den Schwindel. Lustig und sein Komplize verschwinden daraufhin erneut.
Gerade hier wird die Überlieferung fragwürdig. Während sich das Schweigen eines einzelnen, möglicherweise kompromittierten Schrotthändlers noch nachvollziehen lässt, erscheint es wesentlich unwahrscheinlicher, dass auch ein zweiter Verkaufsversuch keinerlei nachweisbare öffentliche Spuren hinterlassen haben soll.
Spätestens als ein weiterer Geschäftsmann bemerkte, dass jemand im Namen der französischen Regierung den Eiffelturm verkaufen wollte, hätte die Angelegenheit durchaus das Interesse der Polizei und der Pariser Presse wecken können. Schließlich handelte es sich nicht um irgendein Gebäude, sondern um eines der bekanntesten Wahrzeichen Frankreichs.
Natürlich ist auch das kein endgültiger Gegenbeweis. Ein gescheiterter Betrugsversuch musste nicht zwangsläufig angezeigt werden, und nicht jede Strafanzeige führte zu einem Zeitungsbericht. Dennoch wird die Erklärung, die beim ersten Opfer noch plausibel erscheint, beim zweiten Versuch deutlich weniger überzeugend.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Bislang fehlt auch ein unabhängiger zeitgenössischer Nachweis für die Existenz des ersten angeblichen Käufers André Poisson als Pariser Schrotthändler. Damit bleiben sowohl eine zentrale Person als auch die entscheidenden Ereignisse der Geschichte historisch unbestätigt.
Der zweite Eiffelturm-Verkauf ist deshalb möglicherweise die größte Schwachstelle der gesamten Erzählung. Nicht weil ein solcher Betrug grundsätzlich unmöglich gewesen wäre, sondern weil ausgerechnet die spektakulärste Wiederholung des angeblichen Coups keinerlei bekannte zeitgenössische Spuren hinterlassen hat.
Eine weltberühmte Geschichte – aber woher stammt sie?
Hier kommt das Buch von James F. Johnson und Floyd Miller ins Spiel. Die amerikanische Originalausgabe „The Man Who Sold the Eiffel Tower“ erschien 1961, also 36 Jahre nach dem angeblichen Verkauf. Das Werk wurde zu einer der wichtigsten Quellen für die heute verbreitete ausführliche Erzählung.
Johnson war ein ehemaliger Mitarbeiter des amerikanischen Secret Service, der an den Ermittlungen gegen Lustig beteiligt gewesen war. Allerdings betrafen diese Ermittlungen vor allem dessen amerikanische Falschgeldgeschäfte. Den angeblichen Eiffelturm-Verkauf hatte Johnson nicht selbst miterlebt. Die Lebensgeschichte wurde von Floyd Miller, einem erfahrenen Schriftsteller, literarisch ausgearbeitet.
Und genau hier beginnt das Problem.
Das Buch enthält zahlreiche ausführliche Dialoge, vertrauliche Gespräche und detaillierte Szenen, für die keine nachvollziehbaren zeitgenössischen Quellen genannt werden. Die Autoren schildern Begegnungen und Reaktionen, als hätten sie selbst daneben gestanden. Teilweise erfahren die Leser sogar, was einzelne Beteiligte gedacht oder empfunden haben sollen.
Doch woher konnten Johnson und Miller wissen, welche Worte Jahrzehnte zuvor hinter verschlossenen Türen gefallen waren? Wer hatte ihnen die vertraulichen Gespräche überliefert? Und wie zuverlässig waren solche Erinnerungen überhaupt?
Ein wissenschaftlicher Quellenapparat, mit dessen Hilfe sich die einzelnen Episoden überprüfen ließen, fehlt. Die Autoren unterscheiden nicht konsequent zwischen dokumentierten Tatsachen und literarischer Rekonstruktion.
Der französische Autor Jean-François Migniac hat ausdrücklich Zweifel an der historischen Belegbarkeit des Eiffelturm-Verkaufs geäußert. Bei seinen Recherchen in französischen Archiven fand er nach eigenen Angaben keine entsprechenden Unterlagen. Auch der angebliche Käufer André Poisson ließ sich nicht unabhängig nachweisen.
Der amerikanische Autor Steve Silverman hat ebenfalls auf die offensichtlich ausgeschmückten Dialoge hingewiesen. Der Journalist Jeff Maysh beschäftigte sich 2016 im „Smithsonian Magazine“ ausführlich mit Lustigs Biografie und machte deutlich, wie schwierig es ist, die zahlreichen Legenden von gesicherten Tatsachen zu trennen.
Nicht alle diese Autoren bestreiten ausdrücklich den Eiffelturm-Verkauf. Ihre Recherchen zeigen jedoch, wie vorsichtig man mit den zahlreichen Anekdoten über Lustig umgehen sollte.
Besonders auffällig ist, dass Lustig bereits in den 1920er-Jahren von französischen Zeitungen als Betrüger wahrgenommen wurde. Auch seine Verhaftung in den USA 1935 sorgte für erhebliche Aufmerksamkeit. Trotzdem fehlt bislang ein gesicherter zeitgenössischer Nachweis für jene Tat, die ihn später weltberühmt machen sollte.
Die ausführliche Eiffelturm-Geschichte wurde jedenfalls durch das Buch von 1961 wesentlich popularisiert. Ob ältere, unabhängige Veröffentlichungen existieren, die den angeblichen Verkauf bereits detailliert schilderten, bleibt eine wichtige Forschungsfrage.
Vielleicht war die gute Geschichte den Autoren wichtiger als die historische Genauigkeit. Vielleicht wurde ein tatsächlicher Betrugsversuch später ausgeschmückt. Denkbar ist sogar, dass Lustig selbst zur Verbreitung der Legende beitrug. Bewiesen ist keine dieser Möglichkeiten.
Das Ende des Königs der Hochstapler
Lustigs kriminelle Karriere endete 1935. Nach umfangreichen Ermittlungen gelang es amerikanischen Bundesbeamten, ihn in New York festzunehmen. Ein bei ihm gefundener Schlüssel führte zu einem Schließfach am Times Square, in dem gefälschte Banknoten im Wert von 51.000 Dollar sowie Druckplatten entdeckt wurden.
Selbst aus der Untersuchungshaft gelang ihm noch eine spektakuläre Flucht. Mit einem aus Bettlaken geknüpften Seil entkam er aus einem New Yorker Gefängnisgebäude. Doch seine Freiheit dauerte nur 27 Tage. In Pittsburgh wurde er erneut festgenommen und später wegen Geldfälschung und seiner Flucht zu insgesamt 20 Jahren Haft verurteilt.
Seine Strafe verbüßte Lustig im berüchtigten Bundesgefängnis Alcatraz vor San Francisco. Dort verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Nach den von Jeff Maysh ausgewerteten Gefängnisunterlagen hatte Lustig bis Dezember 1946 insgesamt 1.192 medizinische Beschwerden vorgebracht und 507 Verschreibungen erhalten. Das Gefängnispersonal hielt viele seiner Klagen zunächst für übertrieben oder vorgetäuscht. Bei einem Mann, der sein Leben lang andere Menschen getäuscht hatte, vermuteten die Wärter offenbar auch hinter seinen Krankheiten einen Trick.
Doch diesmal war Lustig tatsächlich schwer krank. Er wurde in das Bundesgefängniskrankenhaus nach Springfield im Bundesstaat Missouri verlegt. Dort starb er am 11. März 1947 im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.
Ein letztes bemerkenswertes Detail findet sich auf seiner Sterbeurkunde: Als Beruf wurde „Apprentice Salesman“, also „Verkäuferlehrling“, eingetragen. Für einen Mann, der angeblich sogar den Eiffelturm verkauft hatte, eine geradezu grotesk bescheidene Berufsbezeichnung.
Ein Heyne-Taschenbuch von 1964 – heute eine gesuchte Rarität
Drei Jahre nach der amerikanischen Originalausgabe erschien „Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“ 1964 in deutscher Übersetzung von Aenne von Aster im Wilhelm Heyne Verlag in München. Das Taschenbuch wurde als Band 297 der Reihe „Heyne Bücher“ veröffentlicht, umfasst 155 Seiten und kostete damals gerade einmal 2,40 DM.
Eine zweite deutsche Auflage ist nicht nachgewiesen. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet die Ausgabe von 1964; eine spätere deutsche Neuauflage ist bislang nicht bekannt.
Das Buch ist ein typisches Taschenbuch seiner Zeit: preisgünstig produziert, mit einem auffälligen farbigen Umschlag und auf Papier gedruckt, das nicht für jahrzehntelange Haltbarkeit ausgelegt war. Entsprechend zeigen heute viele Exemplare deutlich nachgedunkelte Seiten. Vergilbungen, kleinere Beschädigungen am Einband und Gebrauchsspuren sind nach mehr als sechs Jahrzehnten kaum ungewöhnlich.
Heute ist das Buch vergriffen und im antiquarischen Handel nur noch selten anzutreffen. Einzelne Exemplare werden sogar zu dreistelligen Eurobeträgen angeboten. Dabei muss allerdings zwischen verlangten Angebotspreisen und tatsächlich erzielten Verkaufspreisen unterschieden werden.
Für Sammler historischer Kriminalliteratur und Freunde ungewöhnlicher Biografien ist die deutsche Ausgabe deshalb ein reizvolles Fundstück. Darüber hinaus besitzt sie einen besonderen historischen Reiz: Sie dokumentiert, wie eine spektakuläre Hochstaplergeschichte in den 1960er-Jahren einem breiten deutschsprachigen Publikum vermittelt wurde.
Eine gute Geschichte ist noch kein historischer Beweis
Viktor Lustig war zweifellos ein außergewöhnlicher Betrüger. Er beherrschte die Kunst der Täuschung, verstand die Schwächen seiner Mitmenschen und wusste, wie sich aus Gier, Eitelkeit und Vertrauen Kapital schlagen ließ.
Doch ausgerechnet seine berühmteste Tat bleibt historisch schwer greifbar. Der angebliche Eiffelturm-Verkauf wird bis heute in Büchern, Zeitungsartikeln und auf zahlreichen Internetseiten als tatsächliches Ereignis dargestellt. Die zugrunde liegenden zeitgenössischen Beweise sind jedoch nicht erkennbar.
Das Buch von Johnson und Miller ist deshalb zugleich faszinierend und problematisch. Es erzählt eine spannende Lebensgeschichte, vermischt dabei aber offenbar historische Tatsachen mit literarischer Ausschmückung. Gerade die detaillierten Dialoge und Szenen machen deutlich, dass es sich nicht um eine nüchterne, quellenkritische Biografie handelt.
Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieser Geschichte: Ein Mann, der sein Leben lang davon lebte, andere Menschen von erfundenen Wirklichkeiten zu überzeugen, könnte auch nach seinem Tod noch Millionen Menschen mit einer Geschichte täuschen, deren Wahrheitsgehalt niemand überzeugend belegen kann.
„Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte“ bleibt ein faszinierendes Buch. Nicht unbedingt als zuverlässige historische Biografie, sondern als unterhaltsames Zeitdokument, das zugleich zeigt, wie leicht aus einer guten Erzählung vermeintliche Geschichte werden kann.
Und vielleicht war genau das Viktor Lustigs größter Coup.
Bibliografische Angaben
James F. Johnson / Floyd Miller: Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte. Tatsachenbericht.
- Aus dem Amerikanischen übersetzt von Aenne von Aster
- Wilhelm Heyne Verlag, München 1964
- Heyne Bücher, Band 297
- 155 Seiten, Taschenbuch
- Originaltitel: The Man Who Sold the Eiffel Tower (1961)
- Ursprünglicher Verkaufspreis: 2,40 DM
- Status: Vergriffen
- Deutsche Nationalbibliothek: https://d-nb.info/452233615
Weiterführende Literatur und Quellen
James F. Johnson / Floyd Miller: The Man Who Sold the Eiffel Tower. Doubleday, 1961.
Christopher Sandford: Victor Lustig: The Man Who Conned the World. The History Press, 2021.
David W. Maurer: The Big Con: The Story of the Confidence Man. 1940.
Gilbert King: „The Smoothest Con Man That Ever Lived“. Smithsonian Magazine, 2012.
Jeff Maysh: „The Man Who Sold the Eiffel Tower. Twice.“ Smithsonian Magazine, 2016.
Christian Cipollini: „The Long Con of Underworld Grifter Count Victor Lustig“. The Mob Museum.
RetroNews / Bibliothèque nationale de France: „Les escroqueries impossibles de l’homme qui a vendu la tour Eiffel“, 2020.
Tschechischer Rundfunk: Recherchen von Stanislav Motl zu Viktor Lustigs amerikanischer Gefängnisakte.
La Libre: Bericht über die Recherchen und Zweifel des französischen Autors Jean-François Migniac.
Bereits erschienene Beiträge aus der Reihe „Vergriffenen Lebensgeschichten“
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