Reisen ohne Internet – wie unsere Urgroßeltern die Welt entdeckten
Ein Hotel in einer fremden Stadt finden, die nächste Zugverbindung heraussuchen oder den Weg zu einer Sehenswürdigkeit bestimmen: Heute genügt dafür meist ein kurzer Blick auf das Smartphone. Vor gut 100 Jahren war das Reisen dagegen eine Angelegenheit, die deutlich mehr Vorbereitung erforderte. Wer sich auf den Weg machte, brauchte Fahrpläne, Landkarten, Reiseführer und nicht selten eine gehörige Portion Abenteuerlust. Dafür hielt das Unterwegssein Überraschungen bereit, die sich heute kaum noch vorstellen lassen.
Alte Reisebücher erzählen uns davon. Sie zeigen nicht nur, welche Sehenswürdigkeiten unsere Urgroßeltern besuchten, sondern auch, welche Hotels empfohlen wurden, wie man sich in fremden Städten zurechtfand und welche Reiseziele damals besonders beliebt waren. Im Bestand von Buchkontor finden sich einige interessante Zeugnisse aus dieser Zeit.
Der Reiseführer als unverzichtbarer Begleiter
Wer um 1900 eine größere Reise plante, konnte nicht einfach eine Unterkunft im Internet buchen oder die Bewertungen anderer Gäste lesen. Informationen bekam man im Reisebüro, aus Zeitungen, durch persönliche Empfehlungen und vor allem aus gedruckten Reiseführern. Darin standen Adressen von Hotels und Gasthäusern, Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten, Hinweise auf Bahn- und Schiffsverbindungen sowie praktische Ratschläge für den Aufenthalt.
Besonders berühmt wurden die Reiseführer des Verlags Karl Baedeker. Die handlichen Bände mit ihren charakteristischen roten Einbänden begleiteten Generationen von Reisenden. Sie enthielten sorgfältig zusammengestellte Informationen, Karten und Stadtpläne. Wer einen Baedeker besaß, hatte gewissermaßen einen kleinen Reiseberater in der Tasche – allerdings einen, der weder aktuelle Verspätungen melden noch bei einer verpassten Abzweigung die Route neu berechnen konnte.
Wie detailliert diese Bücher waren, zeigt beispielsweise Baedekers Ober-Italien, von dem sich eine Ausgabe aus dem Jahr 1911 im Angebot von Buchkontor befindet. Norditalien war damals längst ein beliebtes Reiseziel. Venedig, Mailand, die oberitalienischen Seen und die Kunstschätze der Region lockten Besucher aus vielen europäischen Ländern an. Eine Reise dorthin war jedoch aufwendiger als heute. Zugverbindungen mussten abgestimmt, Unterkünfte organisiert und vor Ort die passenden Wege gefunden werden.
Auch Deutschland selbst war ein wichtiges Reiseland. Der Baedeker Nordbayern – Franken, Böhmer Wald aus dem Jahr 1930 erinnert daran, wie beliebt regionale Entdeckungsreisen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg waren. Solche Führer dokumentieren nicht nur bekannte Sehenswürdigkeiten, sondern häufig auch Orte, Verkehrsverbindungen und Einrichtungen, die inzwischen verschwunden sind oder sich grundlegend verändert haben.
Von Peking nach Paris – ein Abenteuer auf vier Rädern
Dass Reisen vor gut 100 Jahren weit mehr sein konnte als eine gemütliche Bahnfahrt, beweist eine der außergewöhnlichsten Unternehmungen der frühen Automobilgeschichte. Im Jahr 1907 starteten mehrere Automobilteams zu einer Wettfahrt von Peking nach Paris. Die Strecke führte über Tausende Kilometer durch Regionen, in denen es kaum geeignete Straßen, geschweige denn Werkstätten oder Tankstellen gab.
Was heute mit Navigationsgerät, Mobiltelefon und Begleitfahrzeugen schon eine Herausforderung wäre, musste damals weitgehend mit Karten, Improvisationstalent und mechanischem Geschick bewältigt werden. Flüsse, schlechte Wege, technische Defekte und die Versorgung mit Treibstoff machten die Fahrt zu einem Abenteuer, dessen Ausgang keineswegs sicher war.
Der italienische Journalist Luigi Barzini begleitete die Unternehmung und hielt seine Erlebnisse in einem Reisebericht fest. Sein Buch Peking–Paris im Automobil. Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in 60 Tagen vermittelt einen Eindruck von einer Zeit, in der das Automobil noch keineswegs als selbstverständliches Verkehrsmittel galt.
Besonders reizvoll ist dabei der Blick auf die Menschen und Landschaften entlang der Strecke. Für viele Bewohner der durchquerten Regionen waren die Fahrzeuge eine ungewöhnliche Erscheinung. Die Fahrt war nicht nur ein technischer Wettstreit, sondern auch eine Begegnung mit einer Welt, die sich für europäische Reisende damals ganz anders erschloss als heute.
Bei Buchkontor ist eine Ausgabe dieses Reiseberichts aus dem Jahr 1908 erhältlich – ein schönes Beispiel dafür, wie aus einem spektakulären Ereignis ein dauerhaft interessantes Stück Reiseliteratur wurde.
Peking-Paris im Automobil, Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in 60 Tagen
Autor: Luigi Barzini
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Was alte Reiseführer über ihre Zeit verraten
Heute betrachten wir Reiseführer vor allem als praktische Hilfsmittel. Doch mit zunehmendem Alter verändern sie ihren Charakter. Ein Hotelverzeichnis von 1910 ist für die Buchung eines Zimmers kaum noch brauchbar. Für die Geschichtsforschung kann es dagegen ausgesprochen interessant sein.
Alte Reiseführer verraten, welche Stadtviertel als vornehm galten, welche Verkehrsmittel empfohlen wurden und welche Sehenswürdigkeiten man für besonders bedeutend hielt. Sie zeigen, wie sich touristische Interessen verändert haben. Manches, das damals ausführlich beschrieben wurde, ist heute beinahe vergessen. Andere Sehenswürdigkeiten fehlen, weil sie erst später entstanden oder ihre heutige Bedeutung erlangten.
Hinzu kommen Veränderungen der politischen Landkarte. Staatsgrenzen, Ortsnamen und Verkehrswege haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach verschoben. Wer einen alten Reiseführer aufschlägt, entdeckt deshalb manchmal eine Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt.
Auch persönliche Reiseaufzeichnungen sind aufschlussreiche Zeitdokumente. Im Buchkontor-Bestand befindet sich beispielsweise der 1893 erschienene Band Reisebriefe aus Italien und der Schweiz des Königsberger Augenarztes Julius Jacobson. Solche Briefe unterscheiden sich von klassischen Reiseführern: Statt nüchterner Empfehlungen vermitteln sie persönliche Eindrücke, Beobachtungen und Erlebnisse. Gerade darin liegt ihr besonderer Reiz.
Reisebriefe aus Italien und der Schweiz ordentl. Professor der Augenheilkunde in Königsberg i/Pr. Nach seinem Tode herausgegeben.
Autor: Jacobson, Julius
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Warum alte Reiseführer selten im Antiquariat landen – zumindest online
Im modernen Antiquariat gehören Reiseführer zu einer besonderen Buchgruppe. Während Romane, historische Fachbücher oder Biografien über Jahrzehnte interessant bleiben können, verlieren praktische Reiseführer oft schon nach wenigen Jahren einen großen Teil ihres ursprünglichen Nutzens. Hotels schließen, Restaurants wechseln ihre Besitzer, Eintrittspreise ändern sich und neue Straßen entstehen.
Entsprechend gering ist häufig die Nachfrage nach älteren Ausgaben. Auch bei Buchkontor finden viele gebrauchte Reiseführer deshalb gar nicht erst den Weg in das Onlineangebot. Der Aufwand für Sichtung, Beschreibung und Einstellung steht oft in keinem vernünftigen Verhältnis zum erzielbaren Verkaufspreis.
Das bedeutet allerdings nicht, dass solche Bücher grundsätzlich wertlos sind. Historische Baedeker-Ausgaben, seltene regionale Führer, besonders frühe Drucke oder Bücher über außergewöhnliche Reiseziele können für Sammler und geschichtlich Interessierte durchaus reizvoll sein. Entscheidend sind unter anderem Alter, Seltenheit, Erhaltungszustand und die Vollständigkeit der Karten und Pläne.
Manchmal lohnt es sich deshalb, einen unscheinbaren Reiseführer nicht vorschnell auszusortieren. Zwischen veralteten Hoteladressen und längst überholten Fahrplänen kann sich ein überraschend interessantes Stück Zeitgeschichte verbergen.
Reisen damals und heute – was ist geblieben?
Natürlich war das Reisen früher nicht automatisch romantischer. Es konnte beschwerlich, teuer und mit erheblichen Unsicherheiten verbunden sein. Nicht jeder konnte sich eine größere Reise leisten, und manche Ziele waren nur unter großen Mühen erreichbar. Die Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, hätten Reisende vor 100 Jahren vermutlich begeistert.
Trotzdem besitzen die alten Bücher einen besonderen Charme. Sie erinnern an eine Zeit, in der man sich vor einer Reise ausführlich mit seinem Ziel beschäftigte, Karten studierte und Informationen sammelte. Und sie bewahren Eindrücke, die in keiner modernen Reise-App mehr zu finden sind.
Wer heute einen historischen Reiseführer liest, muss dafür nicht einmal das Haus verlassen. Man kann mit ihm durch das Norditalien von 1911 reisen, Franken im Jahr 1930 entdecken oder Luigi Barzini auf seiner abenteuerlichen Fahrt von Peking nach Paris begleiten.
Manche alten Reiseführer erzählen allerdings Geschichten, die weit über die gewöhnliche Reiseplanung hinausgehen. Zwei besonders ungewöhnliche Exemplare aus dem Bestand von Buchkontor führen uns nach Paris während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Während ein Stadtführer ausdrücklich für deutsche Soldaten bestimmt war, stellte ein anderer im Jahr 1941 das Pariser Nachtleben mit Restaurants, Theatern und Vergnügungslokalen vor.
Was diese beiden Bücher über die besetzte französische Hauptstadt verraten – und was sie verschweigen –, zeigen wir in unserem nächsten Beitrag: Paris 1941 – zwei Reiseführer aus einer besetzten Stadt.





