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Wenn KI alte Bücher braucht – warum künstliche Intelligenz das Antiquariat entdeckt

Künstliche Intelligenz und antiquarische Bücher scheinen zunächst zwei völlig verschiedene Welten zu sein. Hier stehen Millionen gedruckter Bücher, teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr lieferbar und niemals digitalisiert. Dort moderne KI-Systeme, die gewaltige Mengen digitaler Informationen verarbeiten.

Doch inzwischen treffen diese beiden Welten aufeinander.

Auch wir bei Buchkontor haben das unmittelbar erlebt. In unserem Shop gingen 2026 mehrfach Bestellungen des kanadischen Unternehmens Zoom Books ein – eines Käufers, der inzwischen bei zahlreichen Antiquariaten im deutschsprachigen Raum für Aufmerksamkeit sorgt.

Zoom Books kauft, was vorher kaum jemand wollte

Das Auffällige an den Bestellungen: Gesucht werden offenbar nicht in erster Linie wertvolle Erstausgaben oder begehrte Sammlerstücke.

Der WDR berichtet von Kochbüchern, Biografien, Reiseführern und Fachbüchern – häufig Bücher, die schon seit Jahren im Regal lagen. Auch andere Händler berichten von klassischen „Ladenhütern“. Ein Berliner Antiquariat verkaufte laut rbb rund 150 Bücher für etwa 7.000 Euro. Ein anderes berichtete überwiegend von deutschsprachigen Sach- und Nischentiteln aus den 1970er- bis 1990er-Jahren.[1][2]

Auch unsere Erfahrungen bei Buchkontor gehen in diese Richtung. Viele der von Zoom Books bei uns gekauften Titel gehörten nicht gerade zu den gefragtesten Büchern unseres Bestandes.

Interessant ist außerdem der Versandweg. Der WDR berichtet, dass Bestellungen an ein Lager im sächsischen Kodersdorf bei Görlitz geliefert werden.[1] Bei Buchkontor haben wir daneben bereits Zoom-Books-Bestellungen mit einer Lieferadresse in Bremen erhalten.

Was anschließend mit den Büchern geschieht, ist nicht geklärt.

Zoom Books erklärte gegenüber dem rbb ausdrücklich, Bücher gebraucht anzukaufen und unverändert weiterzuverkaufen. Das Unternehmen erklärte außerdem: „Wir digitalisieren keine Bücher.“ Über die Identität seiner Kunden wollte Zoom Books aufgrund von Vertraulichkeitsvereinbarungen keine Angaben machen.[2]

Deshalb ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Dass Zoom Books die gekauften Bücher für das Training künstlicher Intelligenz beschafft oder selbst digitalisiert, ist bislang nicht nachgewiesen.

Und was ist mit den Büchern ohne ISBN?

Auffällig ist, dass bei den öffentlich beschriebenen Bestellungen häufig Bücher mit ISBN auftauchen. Das erleichtert die automatisierte Suche und Bestellung großer Mengen unterschiedlicher Titel erheblich.[1]

Viele der derzeit beschriebenen Käufe betreffen Bücher, die nach 1970 erschienen sind. Doch damit bleibt eine riesige Bücherwelt weitgehend außerhalb solcher automatisierten Bestellsysteme.

In Antiquariaten, Bibliotheken und privaten Haushalten stehen noch immer unzählige ältere Bücher ohne ISBN. Dazu gehören Regional- und Heimatliteratur, technische Fachbücher, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Firmen- und Vereinschroniken, Festschriften oder Publikationen kleiner Verlage.

Viele dieser Bücher wurden nie digitalisiert.

Gerade in den Beständen aus der Zeit vor der Einführung der ISBN dürften deshalb noch große Mengen an Informationen stecken, die über eine gewöhnliche Internetsuche nicht oder nur schwer zugänglich sind.

Warum KI Informationen außerhalb des Internets braucht

Das Internet erscheint uns häufig wie ein nahezu vollständiger Wissensspeicher. Tatsächlich enthält es aber längst nicht alles.

Hinzu kommt inzwischen ein neues Problem: Im Internet befinden sich immer mehr Texte, Bilder und andere Inhalte, die selbst bereits von künstlicher Intelligenz erzeugt wurden.

Werden zukünftige KI-Modelle zunehmend mit Inhalten trainiert, die wiederum von anderen KI-Systemen erzeugt wurden, kann eine Rückkopplung entstehen. Etwas überspitzt könnte man von einer Art „KI-Inzucht“ sprechen.

In der Forschung wird ein damit zusammenhängendes Phänomen als Model Collapse bezeichnet.

Eine 2024 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie untersuchte, was geschieht, wenn generative Modelle wiederholt mit von vorherigen Modellen erzeugten Daten trainiert werden. Die Forscher zeigten, dass dabei Informationen aus der ursprünglichen Datenverteilung verloren gehen können.[3]

Und genau hier werden alte Bücher interessant.

Ein Buch aus dem Jahr 1960, 1980 oder 1995 besitzt einen entscheidenden Vorteil: Sein ursprünglicher Text kann nicht von einem modernen generativen KI-System erzeugt worden sein.

Project Panama: Anthropic kauft Millionen Bücher

Dass ein KI-Unternehmen tatsächlich physische Bücher in großem Umfang gekauft und digitalisiert hat, ist keine Vermutung.

Ein besonders gut dokumentiertes Beispiel liefert Anthropic, das Unternehmen hinter dem Sprachmodell Claude.

Aus Gerichtsunterlagen im Verfahren Bartz v. Anthropic geht hervor, dass Anthropic 2024 für mehrere Millionen Dollar Millionen gedruckter Bücher kaufte, darunter viele gebrauchte Exemplare.[4]

Das groß angelegte Digitalisierungsprojekt wurde unter dem internen Namen „Project Panama“ bekannt.[5]

Die Bücher wurden nicht einfach in einer klassischen Bibliothek aufbewahrt. Bei der Digitalisierung wurden die Bindungen entfernt, die Seiten zugeschnitten und eingescannt. Anschließend wurden die verbliebenen Papierexemplare entsorgt. Aus den gedruckten Büchern entstanden digitale Dateien für eine durchsuchbare Bibliothek von Anthropic.[4]

Für einen Antiquar ist das eine ungewöhnliche Vorstellung: Ein Buch kann jahrzehntelang mehrere Besitzer überstehen, irgendwann bei einer Haushaltsauflösung auftauchen und schließlich in einem Antiquariat landen – und sein letzter Besitzer interessiert sich weniger für das Buch als Gegenstand als für die darin enthaltenen Informationen.

Der milliardenschwere Streit ums Urheberrecht

Anthropic hatte Bücher allerdings nicht nur durch den Kauf gedruckter Exemplare beschafft.

Aus der Gerichtsentscheidung geht hervor, dass das Unternehmen zuvor mehr als sieben Millionen digitale Buchkopien aus Quellen wie Books3, LibGen und PiLiMi heruntergeladen hatte.[4]

Daraus entstand der Urheberrechtsstreit Bartz v. Anthropic.

Das zuständige US-Gericht traf 2025 eine wichtige Unterscheidung: Die Verwendung urheberrechtlich geschützter Bücher zum Training der untersuchten KI-Modelle wurde unter den konkreten Umständen des Verfahrens als „Fair Use“ bewertet. Auch die Digitalisierung der rechtmäßig gekauften Papierexemplare für Anthropics digitale Bibliothek bewertete das Gericht in diesem konkreten Fall als Fair Use.[4]

Anders beurteilte das Gericht die aus nicht autorisierten Quellen heruntergeladenen Bücher. Die Aufnahme dieser Kopien in eine dauerhafte Bibliothek wurde nicht allein dadurch zu Fair Use, dass die Werke möglicherweise später für das Training von KI-Modellen verwendet werden sollten.[4]

Der Rechtsstreit um die nicht autorisiert beschafften Bücher endete schließlich mit einem Vergleich über 1,5 Milliarden US-Dollar. Anthropic räumte dabei keine Haftung ein.[6]

Wichtig ist dabei: Die Entscheidung stammt aus den USA und betrifft das dortige Fair-Use-Recht. Sie bedeutet nicht, dass sich diese Beurteilung ohne Weiteres auf das deutsche oder europäische Urheberrecht übertragen lässt.

Werden alte Bücher deshalb plötzlich wertvoll?

Nicht zwangsläufig.

Für die Digitalisierung eines bestimmten Titels reicht grundsätzlich ein Exemplar. Ist dessen Inhalt einmal erfasst, besteht für diesen Zweck kein offensichtlicher Bedarf, immer wieder weitere Exemplare desselben Titels zu erwerben.

Die derzeitigen Käufe können für Antiquariate deshalb ein erfreuliches Zusatzgeschäft sein. Einen dauerhaften neuen Sammlermarkt sollte man daraus jedoch nicht ableiten.

Interessant ist vielmehr etwas anderes: Ein Buch kann plötzlich für einen Käufer interessant werden, obwohl es zuvor jahrelang kaum gefragt war.

Nicht Autor, Ausstattung, Seltenheit oder Erhaltungszustand wären dann ausschlaggebend, sondern schlicht die darin enthaltenen Informationen.

Auch Buchkontor nutzt künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz steht bei uns keineswegs nur auf der anderen Seite des Verkaufstresens.

Auch Buchkontor nutzt KI inzwischen als Werkzeug.

Sie unterstützt uns unter anderem bei der Erfassung und Katalogisierung von Büchern. Gerade im antiquarischen Buchhandel, wo nahezu jedes Exemplar einzeln erfasst und beschrieben werden muss, können solche Werkzeuge einzelne Arbeitsschritte erheblich erleichtern.

Auch bei der Erstellung und Überarbeitung von Texten, bei Bildern und grafischen Entwürfen sowie bei Arbeiten rund um unseren Onlineshop kommt künstliche Intelligenz unterstützend zum Einsatz.

Dabei zeigt sich allerdings immer wieder eine Grenze: Die Ergebnisse müssen kontrolliert werden. Gerade bei seltenen oder älteren Büchern sind bibliografische Angaben und Hintergrundinformationen im Internet häufig lückenhaft.

So entsteht eine interessante Wechselwirkung: KI hilft uns dabei, alte Bücher digital zu erfassen – und alte Bücher können gleichzeitig Informationen enthalten, die in den digitalen Quellen heutiger KI-Systeme bislang fehlen.

Nicht alles Wissen steht im Internet

Vielleicht ist das die interessanteste Erkenntnis dieser Entwicklung.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Internet als beinahe vollständigen Wissensspeicher zu betrachten. Wer täglich mit alten Büchern arbeitet, weiß jedoch, wie falsch dieser Eindruck sein kann.

Jenseits der ISBN existiert eine riesige Bücherwelt mit Inhalten, die möglicherweise bis heute niemals digitalisiert wurden.

Je mehr gleichzeitig KI-generierte Inhalte im Internet kursieren, desto interessanter bleiben ursprüngliche, von Menschen geschaffene Quellen für die Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Ausgerechnet die modernste Technologie unserer Zeit erinnert damit an etwas, das Antiquariate schon lange wissen:

Nicht alles Wissen steht im Internet. Manches steht noch immer im Bücherregal.


Quellen

[1] WDR: „KI scannt Bücher – Antiquariate verkaufen an Zoom Books“
www1.wdr.de

[2] rbb24: Bericht über ungewöhnliche Buchbestellungen von Zoom Books bei deutschen Antiquariaten
www.rbb24.de

[3] Shumailov et al.: „AI models collapse when trained on recursively generated data“, Nature 631, 755–759 (2024)
Nature

[4] United States District Court, Northern District of California: Bartz et al. v. Anthropic PBC, Order on Fair Use, 23. Juni 2025
Gerichtsentscheidung bei Justia

[5] The Washington Post: Bericht über Anthropics „Project Panama“ und die Digitalisierung gedruckter Bücher
The Washington Post

[6] Reuters: „Anthropic agrees to pay $1.5 billion to settle author class action“, 5. September 2025
Reuters