Im Westen Bestseller, in der DDR kaum zu bekommen: 10 bekannte Autoren
Wer heute einen größeren Bestand älterer Bücher übernimmt, kann manchmal schon am Bücherregal erkennen, ob die Sammlung ursprünglich aus Ost- oder Westdeutschland stammt. Denn die deutsche Teilung verlief nicht nur durch Politik, Wirtschaft und Fernsehen – sie verlief auch durch die Bücherregale.
Stellen wir uns zwei Buchhandlungen im Jahr 1985 vor: eine in der Bundesrepublik, die andere in der DDR. Beide verkaufen deutschsprachige Literatur. Doch wer durch die Regale geht, begegnet teilweise völlig unterschiedlichen Namen.
Heinz G. Konsalik und Johannes Mario Simmel gehörten im Westen zu den erfolgreichsten Unterhaltungsschriftstellern überhaupt. Stephen King war längst auf dem Weg zum weltweiten Bestsellerautor. Erich von Däniken beschäftigte Millionen Leser mit seinen Spekulationen über außerirdische Besucher der Vergangenheit. James Bond kannte fast jeder – doch Ian Flemings Romane waren etwas anderes als die Filme.
Viele dieser Bücher waren im normalen DDR-Buchhandel nicht oder nur sehr eingeschränkt erhältlich.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: „In der DDR kaum zu bekommen“ bedeutet nicht automatisch „in der DDR verboten“ oder „im Osten unbekannt“. Westbücher gelangten über Verwandte, Geschenke, Reisen und private Weitergabe über die Grenze. Manche wurden unter Freunden von Leser zu Leser weitergereicht. Andere Autoren erschienen sogar mit einzelnen Werken in DDR-Verlagen.
Trotzdem entstanden über vier Jahrzehnte zwei teilweise erstaunlich unterschiedliche Bücherwelten.
1. Heinz G. Konsalik – millionenfach gelesen, aber nicht in der DDR verlegt

Heinz G. Konsalik war aus westdeutschen Bücherregalen kaum wegzudenken. Mit Romanen wie „Der Arzt von Stalingrad“ erreichte er ein Massenpublikum. Seine Mischung aus Krieg, Abenteuer, Liebe und exotischen Schauplätzen machte ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungsschriftsteller der Nachkriegszeit.
Wie groß diese Dimension war, zeigt eine Untersuchung der Bundeszentrale für politische Bildung: Dort wird Konsalik mit einer deutschen Gesamtauflage von rund 52 Millionen Exemplaren genannt.
In der DDR sah die Situation vollkommen anders aus. Konsaliks Bücher wurden dort nicht verlegt. Die Bundeszentrale für politische Bildung weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass er trotzdem durch vereinzelte Westlektüre und durch Kampagnen gegen sogenannte Schundliteratur bekannt war.
Nach der Wiedervereinigung zeigte sich ein bemerkenswerter Effekt: Konsalik gehörte in den neuen Bundesländern anschließend in allen untersuchten Altersgruppen ab 14 Jahren zu den beliebten Autoren. Die Untersuchung sieht darin unter anderem einen Nachholbedarf an Unterhaltungsliteratur.
Konsalik ist deshalb fast das Musterbeispiel für unseren Vergleich: Im Westen Massenware – im DDR-Buchhandel nicht verlegt.
2. Johannes Mario Simmel – Bestseller aus einem anderen Bücherregal

Noch beeindruckender sind die Zahlen bei Johannes Mario Simmel.
„Es muss nicht immer Kaviar sein“, „Liebe ist nur ein Wort“, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ oder „Hurra, wir leben noch“ machten ihn zu einem der großen Namen der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur.
Eine Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung nennt für Simmel eine deutsche Gesamtauflage von rund 64 Millionen Exemplaren.
Und trotzdem galt für ihn dasselbe wie für Konsalik: Seine Bücher wurden in der DDR nicht verlegt. Bekannt war er dort durchaus – unter anderem durch Westbücher und die öffentliche Kritik an westlicher Unterhaltungsliteratur.
Nach 1990 gehörte Simmel bei älteren Lesern in den neuen Bundesländern zu den beliebten Autoren.
Gerade Simmel und Konsalik zeigen sehr schön, warum wir hier nicht von „unbekannten“ oder pauschal von „verbotenen“ Autoren sprechen sollten. Viele Menschen kannten ihre Namen. Nur im Buchladen standen ihre Bücher eben nicht selbstverständlich im Regal.
3. Stephen King – Horror aus dem Westen

In den 1980er-Jahren konnte ein westdeutscher Leser bereits aus einer beachtlichen Zahl von Stephen-King-Büchern wählen.
„Carrie“, „Brennen muss Salem“, „Shining“, „The Stand“, „Cujo“, „Christine“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“ hatten King längst zu einem der bekanntesten Autoren moderner Unterhaltungsliteratur gemacht. Dazu kamen erfolgreiche Verfilmungen.
Im regulären DDR-Verlagsprogramm findet sich dagegen keine vergleichbare Stephen-King-Welt. Bei unserer bibliografischen Recherche konnten wir keine reguläre DDR-Ausgabe eines King-Romans vor 1990 nachweisen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Stephen King in der DDR offiziell verboten war. Dafür gibt es keinen entsprechenden Beleg.
Natürlich konnten seine Bücher trotzdem gelesen werden, wenn jemand an eine Westausgabe gelangte. Doch genau darin bestand der Unterschied: Für einen Leser in Hamburg oder München war Stephen King Buchhandelsware. Für einen Leser in Erfurt oder Leipzig war der Zugang zu seinen westdeutschen Ausgaben erheblich schwieriger.
4. J. R. R. Tolkien – „Der Herr der Ringe“ fehlte im DDR-Regal

Bei J. R. R. Tolkien wird es besonders interessant.
Die deutsche Übersetzung von „Der Herr der Ringe“ erschien 1969/70 im westdeutschen Ernst Klett Verlag. Eine reguläre DDR-Ausgabe des Werkes vor 1990 ist nicht nachweisbar.
Aber Tolkien war in der DDR keineswegs vollständig abwesend.
„Der kleine Hobbit“ erschien bereits 1971 beim Kinderbuchverlag Berlin. Die DDR-Auflage umfasste 10.000 Exemplare. Es handelte sich dabei um ein interessantes deutsch-deutsches Editionsprojekt.
Damit ist Tolkien ein schönes Beispiel dafür, wie genau man hinschauen muss. Die Aussage „Tolkien gab es in der DDR nicht“ wäre falsch.
Richtig ist: Den „Hobbit“ gab es – „Der Herr der Ringe“ dagegen nicht als reguläre DDR-Ausgabe.
Gerade das dürfte dazu beigetragen haben, dass Tolkiens große Fantasywelt in Ost und West unterschiedlich präsent war.
5. Erich von Däniken – als im Westen die „Götter“ kamen

1968 erschien „Erinnerungen an die Zukunft“. Das Buch wurde zu einem gewaltigen Publikumserfolg. Vom Dezember 1968 bis März 1969 stand es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Sein Nachfolger „Zurück zu den Sternen“ erreichte 1969 und 1970 ebenfalls Platz eins, „Aussaat und Kosmos“ 1972 erneut.
Däniken wurde damit zu einem Phänomen der westlichen Populärkultur. Seine These, außerirdische Besucher könnten in vorgeschichtlicher Zeit die menschliche Kultur beeinflusst haben, wurde wissenschaftlich massiv kritisiert – faszinierte aber ein Millionenpublikum.
In der DDR waren Däniken und seine Ideen durchaus bekannt und wurden diskutiert. Eine mit dem westlichen Buchmarkt vergleichbare Verbreitung seiner Bestseller gab es jedoch nicht.
Gerade deshalb passt er gut in unsere Auswahl. Es geht nicht darum, ob ein DDR-Bürger schon einmal von Däniken gehört hatte. Die interessante Frage lautet: Konnte er einfach in eine Buchhandlung gehen und „Erinnerungen an die Zukunft“ kaufen?
Das war eine ganz andere Situation als im Westen.
6. Ian Fleming – James Bond kannte man, die Bücher waren eine andere Sache

Bond. James Bond.
Kaum eine Figur steht stärker für westliche Populärkultur der 1960er- bis 1980er-Jahre. Dabei wird heute leicht vergessen, dass James Bond ursprünglich keine Filmfigur war.
Ian Fleming erfand den britischen Geheimagenten für seinen 1953 erschienenen Roman „Casino Royale“. Es folgten unter anderem „Leben und sterben lassen“, „Moonraker“, „Liebesgrüße aus Moskau“, „Dr. No“ und „Goldfinger“.
Die Romane waren im Westen längst auf Deutsch erhältlich, bevor Sean Connery und seine Nachfolger Bond endgültig zu einer Ikone der Popkultur machten.
Für reguläre DDR-Ausgaben der Fleming-Romane vor 1990 konnten wir keinen belastbaren bibliografischen Nachweis finden.
Hier ist die Unterscheidung besonders wichtig: Natürlich konnte James Bond auch Menschen in der DDR ein Begriff sein.
Eine weltbekannte Figur zu kennen und ihre Romane im Buchhandel kaufen zu können, sind jedoch zwei verschiedene Dinge.
7. Charles Bukowski – Kultautor mit einem kleinen Fenster in die DDR

Charles Bukowski passt nicht ganz in dasselbe Schema.
Seine Geschichten und Gedichte über Alkohol, Sex, Arbeit, Armut und Außenseiter machten ihn besonders in der Bundesrepublik zu einem Kultautor. Der Übersetzer Carl Weissner spielte für seine Bekanntheit im deutschen Sprachraum eine wichtige Rolle.
Doch Bukowski wurde tatsächlich auch in der DDR veröffentlicht.
1986 erschien im Ost-Berliner Verlag Neues Leben ein Bukowski-Heft in der bekannten Reihe „Poesiealbum“. Es handelte sich um eine kleine Auswahl seiner Gedichte – etwas völlig anderes als die Vielzahl der Bukowski-Ausgaben, die westdeutschen Lesern zur Verfügung stand.
Deshalb ist Bukowski für unsere Geschichte vielleicht sogar interessanter als ein vollständig fehlender Autor.
Ein bisschen Bukowski gab es offiziell – die ganze westdeutsche Bukowski-Welt aber nicht.
Das zeigt, dass die Grenze zwischen „vorhanden“ und „nicht vorhanden“ keineswegs immer eindeutig verlief.
8. Joachim Fernau – Millionenauflagen im Westen, keine DDR-Ausgaben

Joachim Fernau ist heute längst nicht mehr so präsent wie während seiner erfolgreichsten Jahre. In westdeutschen Bücherbeständen begegnen einem seine Werke jedoch bis heute erstaunlich häufig.
Titel wie „Deutschland, Deutschland über alles …“, „Rosen für Apoll“, „Cäsar lässt grüßen“ oder „Disteln für Hagen“ verbanden historische Stoffe mit einem persönlichen, unterhaltsamen und häufig ironischen Erzählstil. Fernau erreichte damit in der Bundesrepublik ein Millionenpublikum.
In der DDR erschien dagegen kein einziges Buch Joachim Fernaus.
Damit ist Fernau eines der deutlichsten Beispiele für die unterschiedlichen Bücherwelten in Ost und West. Während seine Bücher in westdeutschen Haushalten weit verbreitet waren, existierte keine entsprechende DDR-Verlagsproduktion.
Fernaus Biografie spielte bei seiner Rezeption eine wichtige Rolle. Während des Zweiten Weltkriegs war er Kriegsberichterstatter der Waffen-SS und schrieb für NS-Propagandamedien. Bereits 1946 wurde das von ihm mitverfasste „Afrika wartet. Ein kolonialpolitisches Bilderbuch“ in der Sowjetischen Besatzungszone in die Liste der auszusondernden Literatur aufgenommen.
Seine späteren populären Geschichtsbücher wurden in der Bundesrepublik zu großen Verkaufserfolgen – eine DDR-Ausgabe erhielt keines davon.
9. George Orwell – hier war der politische Konflikt offensichtlich

Bei George Orwell verlassen wir den Bereich unterschiedlicher Unterhaltungskultur.
„Farm der Tiere“ und „1984″ waren für die DDR politisch hochproblematisch.
„Farm der Tiere“ erzählt als Fabel von einer Revolution, die schließlich in eine neue Gewaltherrschaft mündet, und ist eine Satire auf die Entwicklung der Sowjetunion unter Stalin. „1984″ entwirft einen totalitären Überwachungsstaat.
Orwells Werke konnten in der DDR nicht regulär erscheinen. Damit unterscheidet sich Orwell deutlich von Konsalik oder Stephen King.
Bei Konsalik konnte Unterhaltungsliteratur kulturpolitisch unerwünscht sein. Bei Orwell traf die Aussage zentraler Werke unmittelbar auf die politische Legitimation eines sozialistischen Staates und dessen Verhältnis zur Sowjetunion.
Gerade deshalb gehört Orwell zwar in unsere Liste – aber aus einem anderen Grund als die meisten vorherigen Autoren.
10. Alexander Solschenizyn – erst gedruckt, später unerwünscht

Ein besonders bemerkenswerter Fall ist Alexander Solschenizyns Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Das Werk schildert einen einzigen Tag des Häftlings Iwan Denissowitsch Schuchow in einem sowjetischen Arbeitslager – und machte damit den Alltag im Gulag zum Gegenstand der Literatur.
Solschenizyn wusste, wovon er schrieb: Von 1945 bis 1953 war er selbst Häftling im sowjetischen Lagersystem. Im November 1962 durfte seine Erzählung überraschend in der sowjetischen Literaturzeitschrift Nowy Mir erscheinen. Möglich wurde die Veröffentlichung während der Entstalinisierung unter Nikita Chruschtschow, als Verbrechen und Personenkult der Stalin-Zeit zumindest zeitweise öffentlich kritisiert werden konnten.
Bemerkenswert ist jedoch, was anschließend in der DDR geschah: Obwohl das Werk in der Sowjetunion offiziell veröffentlicht worden war, durfte es in der DDR nicht erscheinen. Das Bundesarchiv weist ausdrücklich darauf hin. Anders verhielt es sich beispielsweise in der ebenfalls sozialistischen Tschechoslowakei: Dort erschien die Erzählung 1963 zunächst in der Literaturzeitschrift Plamen und noch im selben Jahr als Buch.
Gerade dieses Beispiel zeigt, dass die Literaturpolitik innerhalb des Ostblocks keineswegs überall identisch war. Was in Moskau während des politischen Tauwetters veröffentlicht werden konnte, musste deshalb noch lange nicht auch in Ost-Berlin gedruckt werden. Für DDR-Leser blieb Solschenizyns berühmte Erzählung somit außerhalb des regulären Buchangebots – ein bemerkenswertes Kapitel der deutsch-deutschen Literaturgeschichte.
Zwei Staaten – zwei Bestsellerwelten
Unsere zehn Autoren verbindet gerade nicht, dass sie alle in der DDR verboten gewesen wären.
Konsalik und Simmel wurden dort nicht verlegt, waren aber durchaus bekannt. Stephen King repräsentiert eine Form westlicher Unterhaltungsliteratur, die in den 1980er-Jahren im Westen allgegenwärtig wurde. Bei Tolkien erschien der „Hobbit“, nicht aber „Der Herr der Ringe“. Von Bukowski durften DDR-Leser zumindest eine kleine Auswahl kennenlernen.
Joachim Fernau wiederum war im Westen ein millionenfach verkaufter Autor, ohne dass eines seiner Bücher als DDR-Ausgabe erschien. Bei Orwell und Solschenizyn waren die politischen Konflikte wesentlich offensichtlicher.
Und genau deshalb ist der Blick auf diese Autoren so interessant.
Die deutsche Teilung schuf nicht nur zwei Staaten. Sie schuf über Jahrzehnte auch zwei unterschiedliche Buchmärkte und teilweise zwei unterschiedliche Bestsellerwelten.
Was in einem westdeutschen Haushalt selbstverständlich im Regal stand, konnte im Osten eine begehrte Westausgabe sein, die von Hand zu Hand weitergegeben wurde. Gleichzeitig besaß die DDR ihre eigenen populären Autoren und Bücher, die wiederum vielen Westdeutschen kaum etwas sagten.
Wer heute gebrauchte Bücher aus Haushaltsauflösungen übernimmt, findet manchmal noch Spuren dieser Trennung.
Mehr als 35 Jahre nach dem Ende der DDR stehen die Bücher längst gemeinsam in denselben Antiquariatsregalen. Ihre Geschichte erzählt aber noch immer davon, wie unterschiedlich Ost und West einmal gelesen haben.
Quellen und weiterführende Literatur
Bundeszentrale für politische Bildung: „Lektüren im ‚Leseland‘ vor und nach der Wende“ – Zum Beitrag der bpb
Bundeszentrale für politische Bildung: „Demokratie braucht Literatur – Vom deutschen Umgang mit erzählender Literatur“ – Zum Beitrag der bpb
Staatsbibliothek zu Berlin: Material zur Rezeption und Benutzungsbeschränkung von Literatur in der DDR – Bibliotheksmagazin der Staatsbibliothek

